Traue keiner Statistik...

Irre: Bahn lässt Züge ausfallen - um Verspätung zu verschleiern

Wirtschaft
ICE: Michael Meding, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE; Uhr: Freepik; Komposition: Der Status.

Über Jahrzehnte für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit bekannt, hat die Servicequalität der deutschen Bahn in jüngerer Vergangenheit massiv nachgelassen. Mega-Verspätungen sind an der Tagesordnung, die Fahrpläne werden nur noch geschätzt. Und nun stellt sich heraus: Sie lässt gezielt Züge ausfallen, um die Pünktlichkeit zu schönen. Es ist ein Sinnbild für den deutschen Abstieg...

Zug verspätet? Einfach ausfallen lassen!

So viel kritischen Restgeist hätte man dem "Spiegel" nach seinem obrigkeitshörigen Kurs in den letzten Jahren gar nicht mehr zugetraut: Doch am Freitag enthüllte das Magazin plötzlich, über verlässliche Informationen zu verfügen, wonach die deutsche Bahn zu dreisten Methoden greift, um ihre katastrophale Statistik zur Pünktlichkeit zu frisieren. So lässt man manche Züge ab bestimmten Bahnhöfen unter Vorwänden ausfallen bzw. leer weiter fahren, damit diese nicht in die Verspätungsstatistik fallen.

Als konkretes Beispiel nennt das Blatt einen ICE-Zug von München nach Hamburg vor wenigen Tagen. Dieser fiel ab Köln aus, die Fahrgäste mussten anderweitig schauen, wie sie an ihr Ziel kommen. Die offizielle Begründung war ein "kurzfristiger Personalausfall", doch interne Chats würden belegen, dass dies nicht der Realität entsprach. Vielmehr ließ man die Relation ausfallen, um die Verspätung statistisch zu kaschieren - denn ausgefallene Züge werden eben nicht mitgezählt. Der Zug fuhr dann leer nach Hamburg weiter. 

Genug Verspätung für Umstieg in Folgezug

Während ranghohe Mitarbeiter aus der Disposition bestätigen, dass es sich bei solchen "Geisterzügen" um eine systematische Methode handelt, ist man sich im Management des staatsnahen Konzerns keiner Schuld bewusst. Es sei im Einzelfall "betrieblich sinnvoll, eine Zugfahrt vorzeigit zu beenden". So wolle man etwa den Fahrgästen einen "schnellen Umstieg auf den im Takt folgenden Fernverkehrszug ermöglichen". In den bekannten Fällen habe es "direkte & aufnahmefähige Alternativverbindungen" gegeben.

Zwischen den Zeilen bestätigt dies aber, wie manifest das Problem mittlerweile ist. Denn der ICE-Fahrplan zwischen München und Hamburg beruht auf einem Stundentakt - und selbst zwischen Köln und Hamburg verkehren die Züge nur halbstündlich. Es ist also davon auszugehen, dass die Verspätung zumindest auf diese Größenordnung belief. Eine Stichprobe für letztere Strecke am Freitag weist bei fast allen Verbindungen eine Verspätung auf - zwischen 20 und 135 Minuten. Dazu kommt erneut ein Ausfall... 

Marode Infrastruktur im deutschen Bahnnetz

Was eifrige Zugfahrer selbst im benachbarten Österreich als "Verspätung aus einem Nachbarland" als tägliche Lautsprecher-Durchsage kennen, wurde einer breiteren Öffentlichkeit bei der Fußball-EM im Vorjahr offenbart. Viele Fans mussten regelrechte Odysseen mit dem Zug erleben oder strandeten irgendwo auf der Strecke. Etliche Fahrgäste waren sauer, weil sie Teile der Spiele verpassten, die sie eigentlich besuchen wollten, obwohl sie ausreichend Puffer einplanten.

Wie Der Status ebenfalls im Vorjahr berichtete, geht dies Sache so weit, dass Fahrpläne laut einem Aufsichtsratsmitglied "nicht mehr gerechnet, sondern nur noch geschätzt" werden. Noch ein Jahr älter ist die Meldung, dass die Schweiz manche deutschen Züge aufgrund ihrer Verspätung gar nicht mehr ins Land ließ. Die Misere ist hausgemacht: Denn die Infrastruktur ist vielerorts veraltet, Nebenstrecken als Ausweichmöglichkeit werden dichtgemacht - und die Verursacher sitzen laut Insidern "mit gefüllten Taschen" da.

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