Privatsphäre passé

Gläserner Bürger: EU will Google-Suchen zugänglich machen

Wirtschaft
Symbolbild: KI-generiert (ChatGPT)

Jahrelang sammelte Google, wonach Menschen suchen, was sie anklicken und was sie interessiert. Nun will die EU diese Daten auch Googles Konkurrenten zugänglich machen. Natürlich „anonymisiert“. Immerhin: Google entdeckt plötzlich den Datenschutz.

Ein Beitrag aus unserer Kooperation mit JouWatch

Autor: Meinrad Müller

Die EU will, dass Google die Suchanfragen an andere Suchmaschinen oder auch KI weiterleitet. Weitergegeben werden soll zudem, welche Ergebnisse Google angezeigt hat, was angeklickt und was näher angesehen wurde.

Wir wussten es doch alle. Wer nach Haarwuchsmitteln googelt, bekommt am nächsten Tag Werbung für Haarwuchsmittel. Google kann die Werbung gezielt platzieren. Das nimmt man so hin, weil man ohnehin nichts dagegen tun kann.

Die EU will, dass Google die Hosen runterlässt

Das Google-Suchfenster wird zur Fundgrube für Google. Doch die EU will nun, dass andere Suchmaschinen und auch KI-Anbieter von Google diese Suchanfragen nachträglich auch erhalten.

Dabei geht es nicht nur darum, wonach gesucht wurde. Weitergegeben werden sollen auch Angaben darüber, welche Ergebnisse Google angezeigt hat, was angeklickt und was näher angesehen wurde. Natürlich alles anonymisiert, sagt die EU. Das Wort „anonymisiert“ soll beruhigen. Es klingt wie ein blickdichter Vorhang. Ob nicht doch jemand die Schuhe erkennt, die unten hervorschauen, ist eine andere Frage.

Das wäre wie beim Apotheker vor Ort

Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Apotheke und fragen leise nach einem Mittel zur Förderung der Wollust. Danach erkundigen Sie sich nach Schlafstörungen und einer Salbe gegen etwas, das Sie Ihrem Nachbarn lieber nicht erklären möchten.

Der Apotheker notiert Ihre Suchfragen feinsäuberlich. Allerdings nicht unter Ihrem Namen, sondern mit Ihrer Kundennummer. Nun kommt die EU und sagt: „Sie beherrschen den örtlichen Markt. Geben Sie Ihre gesammelten Suchdaten auch den anderen Apotheken.“

„Aber darin stehen höchst persönliche Dinge“, wendet der Apotheker ein.

„Keine Sorge“, sagt Brüssel. „Wir haben die Namen entfernt.“

Ihr Nachbar, der zufällig drei Häuser weiter wohnt, immer montags kommt und genau dieselbe seltene Kombination aus Schlafmittel, Haarwasser und Spezialcreme bestellt, bleibt selbstverständlich vollkommen unauffindbar.

Der Apotheker ist noch nicht überzeugt. „Und wer bekommt meine Aufzeichnungen?“

„Nur zugelassene Konkurrenten“, beruhigt ihn der Herr aus Brüssel.

„Ach so“, sagt der Apotheker. „Dann ist ja alles gut.“

Doch Google entdeckt plötzlich den Datenschutz

Genau darum streiten Google und die EU. Google soll Konkurrenten nicht einfach eine Liste mit Suchbegriffen überreichen. Weitergegeben werden sollen anonymisierte Suchanfragen sowie Angaben darüber, welche Ergebnisse angezeigt, angeklickt und angesehen wurden. Die EU verspricht, niemand könne daraus auf einzelne Nutzer schließen. Google hält den Schutz für unzureichend.

Am 28. September reichte Google deshalb beim EU-Gericht in Luxemburg Klage ein. Die neuen Vorschriften sollen ab Januar 2027 angewendet werden.

Bisher galt Google ungefähr als jener Nachbar, der hinter der Gardine steht, alles sieht und sich nebenbei Notizen macht. Nun klingelt Brüssel und verlangt Einblick. Plötzlich zieht Google die Gardine zu und ruft: „Das geht Sie nichts an. Hier geht es um die Privatsphäre!“

Der Name bleibt geheim – sagt Brüssel

Brüssel will mehr Wettbewerb. Kleinere Suchmaschinen und KI-Anbieter sollen ebenfalls von den Daten profitieren, die bislang nur Google selbst nutzen konnte. Der Bürger liefert das Material. Seine Krankheiten, Geldsorgen, Ängste und Wünsche werden gesammelt, anonymisiert und weitergereicht.

Der Name bleibt geheim, sagt Brüssel. Der Rest darf herumgereicht werden. Doch wer nach Regierungskritik suchte, das wissen die da Oben sofort.

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