Ein Porträt

Rechte Renaissance: Warum der Mainstream Japans 1. Premierministerin fürchtet

Welt
Bild: 内閣府 Sanae Takaichi, Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0; Symbolbild: Freepik; Grafiken: Canva; Komposition: Der Status

Sanae Takaichi wird Japans erste Premierministerin – und das ausgerechnet als erzkonservative Nationalistin. Ihr Aufstieg erzählt von Machtkämpfen und einer politischen Kultur, die anders tickt, als der Westen es gern hätte. Wer ist sie und was können wir von ihr lernen?

Ein politischer Thriller

Es hatte etwas von einem Krimi: 2024 war Sanae Takaichi noch knapp gescheitert, im September 2025 wurde sie zur Vorsitzenden der japanischen liberaldemokratischen Partei gewählt. Aber ob sie wirklich Ministerpräsidentin wird war lange unklar. Die liberaldemokratische Partei, welche seit Jahrzehnten mehr oder weniger durchregiert, ist geteilt in einen liberalen und einen konservativen Flügel. Die letzten Wochen waren von einem Machtkampf zwischen diesen gezeichnet. Erst mit der Unterstützung der japanischen Innovationspartei schaffte es Takaichi, sich ihr Amt zu sichern. Das selbst aus der Perspektive konservativer Europäer gesehen zutiefst traditionell patriarchal orientierte Japan hat also seinen ersten weiblichen Premierminister gewählt. Die westlichen Medien freuen sich aber nicht. Weshalb? Sanae Takaichi ist konservative Nationalistin, hat vor allem auch aufgrund ihrer Anti-Einwanderungsposition gewonnen und sieht sich selbst in der Nachfolge von Shinzo Abe, der 2022 von einem Attentäter ermordet wurde. Als weiteres politisches Vorbild nennt sie Margaret Thatcher - aufgrund deren Politikstils.

Vom Schlagzeug zur Staatsführung

Ihr Werdegang ist filmreif: Sanae Takaichi wurde 1961 geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Autorin, juristische parlamentarische Mitarbeiterin und im Rundfunk. Ihre Schulnoten waren exzellent gewesen und hatten sie für ein Studium an der Eliteuniversitäten Keio und Maseda in Tokyo qualifiziert, ihre Eltern hatten jedoch abgelehnt, ein Studium an einer privaten Universität, für das sie von zu Hause hätte ausziehen müssen zu finanzieren - weil sie eine Frau war. Also schrieb sie sich in der weniger prestigeträchtigen Universität Kobe ein, pendelte 6 Stunden und finanzierte das alles mit einem Teilzeitjob. Während ihres Studiums spielte sie Schlagzeug in einer Band. Später wurde sie am Matsushita-Institut, einer Kaderschmiede, angenommen. Und so begann ihre politische Karriere: Mit einer Unterbrechung von zwei Jahren ist sie seit 1993 im Parlament, während Shinzo Abes und Fumio Kishidas Amtszeiten als Ministerpräsidenten hatte sie mehrere Ministerialposten inne. Sanae Takaichi plädiert für harte Begrenzungen der Immigration und für Strenge gegenüber ausländischen Touristen. Außerdem möchte sie den Artikel 9 der japanischen Verfassung, welcher dem Land verbietet, jemals wieder Krieg zu führen, abschaffen. Auch steht sie für gute Beziehungen zu Taiwan, das von China als Teil des eigenen Staatsgebiets gesehen wird und auch von den meisten Staaten der Erde nicht anerkannt ist. Sie ist gegen die Homoehe, gegen gezielte Frauenförderung, gegen einen zukünftigen weiblichen Kaiser und gegen die Möglichkeit, dass Ehepartner ihre jeweiligen Nachnamen behalten dürfen. Ihr Mann, mit dem sie nach einer Scheidung und vierjähriger Pause bereits zum zweiten Mal verheiratet ist hat ihren Namen angenommen. Seine Kinder aus erster Ehe hat sie adoptiert, eigene hat sie nicht.

Zwischen Stabilitätskrise und Nationalismus

Allerdings ist sie auch der fünfte Premierminister in fünf Jahren. Die japanische Politik ist aktuell alles andere als stabil, auch ist es nicht üblich, dass Spitzenpolitiker an ihren Posten kleben. Selbst Shinzo Abe war nur während zweier nicht konsekutive Legislaturperioden und insgesamt acht Jahre an der macht. Es wird sich zeigen, ob Takaichi den Anforderungen der japanischen Politik standhalten können wird. Hierzulande muten ihre Positionen etwas befremdlich an, so ist sie beispielsweise Mitglied der Nippon Kaigi, der größten konservativen und nationalistischen nichtstaatlichen Lobbyorganisationen. Sie legt revisionistische Positionen was japanische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg betrifft und kritisiert die Entschuldigungen japanischer Politiker der Vergangenheit, was den japanischen Imperialismus in der Pazifikregion Anfang des 20. Jahrhunderts und den Einsatz der sogenannten Trostfrauen betrifft. Man darf aber nicht vergessen, dass in Japan ein ganz anderer Diskurs herrscht. In Japan ist es sozial akzeptiert, für ein möglichst homogenes Japan einzustehen.

Gleichzeitig steht sie für gute Beziehungen zu den USA ein. Shinzo Abe hatte sich gut mit Trump verstanden, und für den amerikanischen Präsidenten, der seine Außenpolitik oft nach Sympathie ausrichtet kann das Detail, dass Takaichi Zögling Abes gewesen war, nur positiv sein. Abes überideologische ökonomische Reformen sind unter dem Begriff “Abenomics” bekannt geworden und umfassen den nur teils geglückten Versuch, die seit zwei Jahrzehnten stagnierende japanische Wirtschaft zu stärken: So sollte die Geldmenge erhöht, mehr Staatsausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft getätigt und Japan durch Reformen global wettbewerbsfähiger werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Takaichi diesen Kurs weiter verfolgen wird.

Wie Japan japanisch bleibt  

Nichtsdestotrotz ist Japan auch für andere Länder eine Art Labor: Es ist eine überalterte Industrienation in einer demographischen Krise, ohne nennenswertes Wirtschaftswachstum. Aber auch eine Nation, die zum Auffangen der Wirtschaft eben nicht massenhaft Einwanderer importiert, sondern sich stattdessen zur die Erhaltung der eigenen ethnischen Homogenität entschließt, bewusst einen Schrumpfungsprozess durchmacht und versucht, die fehlende Arbeitskraft durch Innovation, Robotik, Automatisierung, künstliche Intelligenz auszugleichen. Die Erfahrungswerte, die in Japan generiert werden, sind daher für die Debatte über diverse Remigrationskonzepte sehr wertvoll.

Außenpolitische Ungewissheit

Obwohl sie für gute Beziehungen mit den USA einstehen werden dürfte ist es unklar, wie ihre Außenpolitik aussehen wird: Japan hat in den letzten Jahren seine Kooperation mit anderen asiatischen Nationen ausgeweitet. So hat es beispielsweise in Indien mehrere kostspielige Infrastrukturprojekte mitfinanziert, was Teil seiner nach außen gerichteten Wirtschaftsdiplomatie war. Es ist durchaus möglich, dass Takaichi diesen Kurs nicht weiter verfolgen wird. Dies könnte in Anbetracht des Einflusses Chinas auf Asien langfristig Japans Rolle schmälern.

Die blinden Flecken westlicher Medien

Wir in Deutschland lernen also zwei Dinge, die im hiesigen Mainstream gänzlich ignoriert werden: Die Welt ist viel rechter als es uns deutschsprachige oder allgemein westliche Medien verkaufen wollen. Und: Rechte Parteien sind bereit, Frauen an der Macht zu sehen. Etwaige Bedenken, eine Frau als Premierminister zu sehen, waren nicht stark genug, um Takaichis Sieg zu verhindern. Dies ist Teil eines größeren globalen Trends: Interessanterweise werden viele Ziele der klassischen Frauenbewegung, nicht zu verwechseln mit dem, was im Zeitalter der Wokeness als Feminismus gilt, aktuell von Rechten erreicht. Sei es das Bekenntnis zu Frauenrechten auf dem biologischem Geschlecht beruhend, sei es die Ablehnung von Ausbeutung, wie sie bei Prostitution oder Leihmutterschaft normal sind, sei es die Kritik gegenüber frauenverachtenden Religionen. Oder eben auch: Frauen an wichtigen Stellen, nur sind es dann für die linken Mainstreammedien die "falschen" Frauen. Siehe als aktuelles Beispiel auch Maria Corina Machado: Die venezolanische Gewinnerin des diesjährigen Friedensnobelpreises, wurde erst als Frauenikone gepriesen. Bis man dahinterkam, dass sie rechts und pro Trump ist, sowie für die Kommunisten in ihrem Land nicht sehr viel übrig hat. Dann galt sie auf einmal nicht mehr als Heldin.

Und auch politisch ist die Bilanz eindeutig: Marine Le Pen in Frankreich ist rechte Hoffnungsträgerin. Trump hat taffe Ministerinnen in seinem Kabinett. Die linksliberale Labour-Partei Großbritanniens hat bisher keinen einzigen weiblichen Premierminister gestellt. Die AfD ist mit Alice Weidel eine Partei, die kompetente Frauen an die Spitze kommen lässt. In Italien regiert als erste Premierministerin die rechte Giorgia Meloni. Auch war Meloni diejenige, die Leihmutterschaft in Italien verboten hat, weswegen ihr Homophobie vorgeworfen wurde - so als sei man homophob, wenn man findet, dass auch Schwule keine Kinder kaufen und Frauen für ihre Gebärfähigkeit ausbeuten dürfen. Oder eben auch: Die Forderung nach Frauen in Machtpositionen wird am besten dann erreicht, wenn diese Frauen nicht durch Quoten nach oben kommen, sondern es aufgrund ihrer Kompetenz und ihrer Intelligenz schaffen. Sanae Takaichis Aufstieg zeigt, wie sehr sich die Welt nach rechts verschiebt - und dass Frauen an der Macht längst kein linkes Projekt mehr sind.


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