Russen publizierten Antworten ungekürzt

In Italien zensiert: Dieses Lawrow-Interview will euch der Mainstream vorenthalten

Welt
mid.ru, Eduard Pesov Sergej Lawrow, CC BY-SA 4.0; RCS MediaGroup S.p.A., Logo des Corriere della Sera, gemeinfrei; Ka23 13, Newspapers, CC BY-SA 4.0; Komposition: Der Status

Ein zurückgehaltenes Lawrow-Interview sorgt für Aufsehen: Die renommierte italienische Zeitung "Corriere della Sera" verweigerte die Veröffentlichung. Russland spricht von Zensur. Da es gerade in konfliktreichen Zeiten stets wichtig ist, zu wissen, welche Standpunkte die Außenpolitiker relevanter Weltmächte vertreten, veröffentlichen wir das Interview ungekürzt und unzensiert, damit sich mündige Bürger ihr eigenes Bild machen können.

Ein redaktionell bearbeiteter Beitrag aus unserer Kooperation mit Unser-Mitteleuropa. Dort im Original in 3 Teilen veröffentlicht: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Vor kurzem noch kolportierte die "Financial Times", dass der russische Aussenminister beim Kreml in Ungnade gefalle sei. Dabei hatte FT wohl den Kreml mit der westliche Kartellpresse verwechselt. Denn es sind nur westliche Massenmedien, denen Lawrow zu wenig an Freuden bereitet.

Russland sieht sich als Zensuropfer

Wie das russische Aussenministerium verlauten ließ, hätten in den letzten Monaten Fake News und Falschnachrichten über Russland in den italienischen Medien immer häufiger die Runde gemacht. Um diesem Strom steter medialer Verzerrung Einhalt zu gebieten, habe das russische Aussenministerium den Corriere della Sera – eine der führenden Zeitungen Italiens – angeboten, mit Sergej Lawrow, dem Außenminister der Russischen Föderation, ein Exklusivinterview zu machen.

Die Redaktion der italienischen Zeitung hätte diesen Vorschlag anfänglich mit grosser Begeisterung aufgegriffen und ihre Fragen in schriftlicher Form unverzüglich an Sergej Lawrow eingereicht. Daraufhin habe der russische Außenminister umgehend zu jeder der Fragen ausführlich Stellung bezogen und alles wäre zur Veröffentlichung bereit gewesen. Doch, nach Erhalt der Antworten weigerte sich Corriere della Sera, das Interview mit Lawrow veröffentlichen zu lassen!

Lawrow-Aussagen "zu kontrovers"

Das italienische Medium erklärte der russischen Seite, dass die Antworten von Lawrow „viele kontroverse Aussagen“ enthielten, die einer Faktenprüfung oder zusätzlichen Klarstellungen bedürften. Das italienische Blatt meinte auch, dass eine Veröffentlichung „angemessene Grenzen“ überschreiten würde. Da gab ein westliches Medium endlich zu, dass im vermeintlich so freien Westen klar definierte rote Linien bezüglich freier Meinungsäusserung tatsächlich bestehen – oh je!

Endlich, einmal keine „Verschwörungstheorie“! In diesem Sinne hätte die Redaktion des „Corriere della Sera“ selbst den Kompromiss-Vorschlag des russischen Aussenministeriums zurückgewiesen, um eine gekürzte Fassung über die Druckversion der Zeitung verbreiten, die vollständig ungekürzte Fassung aber nur auf ihrer Website veröffentlichen zu lassen. Die Ablehnung des Kompromisses durch den Corriere della Sera wurde von der russischen Diplomatie als „eklatante Zensur“ bezeichnet!

Keine freie Information für Italiener?

Das russische Aussenministerium monierte, dass die Redaktion des Corriere della Sera alle Passagen des Interviews, welche der offiziellen Linie Roms ungelegen erschienen, ganz einfach habe streichen lassen. Zugleich erklärte die russische Seite, dass italienische Bürger das Recht auf freien Zugang zu Informationen, wie es in Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte garantiert und festgelegt sei, hätten.

„Der Fall ist ein klares Beispiel dafür, dass die italienischen Bürger keine objektiven Informationen zur Lage in der Ukraine erhalten und vorsätzlich irregeführt werden“, erklärte die russische Botschaft aus Italien in einem Kommentar auf ihrem offiziellen Telegram-Kanal. Was ist nur mit den liberalen Demokratien im vermeintlich autokratiefreien Paradies des Westens geschehen? Zuletzt hat wenigstens das russische Aussenministerium beide Versionen des Interviews ihrerseits veröffentlichen lassen.

Nachdem sich Corriere della Sera weigerte, das Interview veröffentlichen zu lassen, soll das an dieser Stelle zumindest in deutscher Übersetzung nachfolgend geschehen:

Die ungekürzten und unzensierten Antworten von Lawrow

Corriere della Sera: Es heißt, wonach das erneute Treffen zwischen Wladimir Putin und Donald Trump in Budapest nicht stattgefunden hätte, weil selbst die US-Regierung erkannt habe, dass sie [Russland] nicht zu Verhandlungen über die Ukraine bereit wären. Was ist nach dem Gipfeltreffen in Anchorage, das Hoffnung auf den Beginn eines echten Friedensprozesses geweckt hatte, schiefgelaufen? Warum hält Russland an den Forderungen fest, die Wladimir Putin im Juni 2024 formuliert hatte bzw. in welchen Punkten könnten Sie zu Kompromissen bereit sein?

Sergej Lawrow: Die Vereinbarungen von Anchorage sind ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in der Ukraine, indem die Folgen des von der Obama-Regierung organisierten blutigen und verfassungswidrigen Staatsstreichs in Kiew im Februar 2014 überwunden würden! Sie basieren auf den bestehenden Realitäten und stehen in engem Zusammenhang mit den Bedingungen für eine gerechte und nachhaltige Beilegung der Ukraine-Krise, die der russische Präsident Wladimir Putin im Juni 2024 formuliert hatte. Wir sind zu der Einschätzung gelangt, dass diese Bedingungen von der Trump-Regierung gehört und auch öffentlich akzeptiert wurden, vor allem in Bezug auf die Unannehmbarkeit einer Einbindung der Ukraine in die NATO, um eine strategische militärische Bedrohungen gegen Russland direkt an seinen Grenzen auszuüben. Washington hat auch offen anerkannt, dass es nicht möglich sei, die territoriale Frage nach den Ergebnissen der Referenden in fünf historischen Regionen unseres Landes ignorieren zu können:

Deren Einwohner hatten sich eindeutig für Selbstbestimmung und eine Vereinigung mit Russland ausgesprochen, abgesehen davon, dass das Regime in Kiew jene Bewohner als „Untermenschen” , „Kreaturen“ und „Terroristen” bezeichnen ließ!

Gerade das US-Konzept, welches eine Woche vor dem Gipfeltreffen in Alaska auf Geheiß des US-Präsidenten von seinem Sonderbeauftragten Steve Witkoff nach Moskau gebracht wurde, war um das Thema Sicherheit und territoriale Realitäten herum bemüht. Präsident Wladimir Putin hat Präsident Donald Trump in Anchorage mitgeteilt, besagtes US Konzept als Grundlage akzeptieren zu können, wobei wir einen konkreten Schritt vorschlugen, um der praktischen Umsetzung den Weg zu ebnen.

Der US-Präsident teilte mit, dass er sich mit seinen Verbündeten beraten müsse. Aber auch nach seinem Treffen mit den Verbündeten am nächsten Tag in Washington erhielten wir keine Reaktion auf unsere positive Antwort zu den besagten Vorschlägen, die Steve Witkoff noch vor Alaska nach Moskau überbracht hatte. Auch während meines Treffens mit Außenminister Marco Rubio im September in New York, als ich daran erinnerte, dass wir weiterhin auf eine Antwort warteten, gab es keine Reaktion. Um unsere amerikanischen Kollegen zu unterstützen und sich im Wesentlichen für ihre eigene Idee zu entscheiden, haben wir die Vereinbarungen von Alaska in einem informellen Papier festgehalten und nach Washington senden lassen.

Einige Tage später fand auf Wunsch von Donald Trump ein Telefongespräch mit Wladimir Putin statt, in dem ein vorläufiges Treffen in Budapest, welches sorgfältig vorzubereiten wäre, vereinbart wurde. Es bestand kein Zweifel, dass es dort um die Vereinbarungen von Anchorage gehen würde. Ein paar Tage später sprach ich mit Marco Rubio übers Telefon. Danach ließ Washington wissen, nachdem es das Gespräch als konstruktiv – es war tatsächlich sachlich und nützlich – bezeichnet hatte, dass nach diesem Gespräch kein persönliches Treffen zwischen dem US-Außenminister und dem russischen Außenminister zur Vorbereitung des Treffens auf höchster Ebene mehr erforderlich sei.

Woher und von wem abträgliche Berichte an den amerikanischen Präsidenten herangetragen wurden, woraufhin er den Gipfel in Budapest entweder verschieben oder absagen ließ, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch ich habe Ihnen den zeitlichen Ablauf der Ereignisse exakt geschildert und mich streng an die Fakten, für die ich verantwortlich bin, gehalten. Auf grobe Falschmeldungen zur „Nicht-Bereitschaft Russlands für Verhandlungen” bzw. zum „Sabotieren” der Ergebnisse von Anchorage werde ich nicht eingehen: Sprechen Sie doch dazu mit der Financial Times, die nach meinem Verständnis diese falsche Version in die Welt setzte und den Kern und Ablauf der Ereignisse verdrehte, um: alles auf Moskau abzuwälzen, Donald Trump von dem von ihm selbst vorgeschlagenen Weg abzubringen, Donald Trump von einem stabilen und langfristigen Frieden fernzuhalten.

Es sind die europäischen Meister von Selenski, die zu einem sofortigen Waffenstillstand drängen und von der zwanghaften Vorstellung besessen sind, eine Atempause zu erhalten, um das Nazi-Regime mit Waffen hochrüsten und den Krieg gegen Russland fortsetzen zu können.

Wenn schon die BBC ein Video einer Rede von Donald Trump fälschen konnte, indem sie ihm den Aufruf zum Sturm auf das Kapitol in den Mund legte, dann wird auch die Financial Times es fertigbringen, wie man bei uns sagt, „skrupellos zu lügen“. Wir sind nach wie vor bereit in Budapest ein zweites russisch-amerikanisches Gipfeltreffen abzuhalten, sofern es sich wirklich auf die gut ausgearbeiteten Ergebnisse von Alaska abstützen würde! Der Termin steht noch nicht fest, doch die russisch-amerikanischen Kontakte werden weitergehen.

Corriere della Sera: Die Streitkräfte der Russischen Föderation kontrollieren derzeit weniger Territorium als noch im Jahr 2022 nach den ersten Wochen der sogenannten Speziellen-Militär-Operation. Falls Sie wirklich die Oberhand besäßen, warum können Sie dann keinen entscheidenden Schlag ausführen? Können Sie auch erklären, warum Sie keine offiziellen Angaben zu Ihren Verlusten machen?

Sergej Lawrow: Die Militärische Spezialoperation ist kein Krieg um Territorien, sondern eine Operation zur Rettung von Millionen von Menschen, die seit Jahrhunderten in diesen Gebieten leben und welche das Kiewer Junta auslöschen möchte: rechtlich, indem sie ihre Geschichte, Sprache und Kultur verbietet, und physisch, mit Hilfe westlicher Waffen! Ein weiteres wichtiges Ziel der MSO ist es, die Sicherheit Russlands zuverlässig zu gewährleisten, um die Pläne von NATO und EU zu vereiteln, an unseren westlichen Grenzen einen feindlichen Marionettenstaat zu errichten, der gesetzlich und in der Praxis auf der Ideologie des Nationalsozialismus aufbaut! Es ist nicht das erste Mal, dass wir faschistische und nationalsozialistische Aggressoren aufhalten – so war es im Zweiten Weltkrieg, so wird es auch dieses Mal sein!

Im Gegensatz zu Weststaatlern, die ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichmachen lassen, schützen wir Menschen – Zivilisten und Soldaten. Unsere Streitkräfte handeln äußerst verantwortungsbewusst und führen hochpräzise Schläge ausschließlich gegen militärische Objekte und die dazugehörige Transport- und Energieinfrastruktur durch.

Über Verluste auf dem Schlachtfeld wird in der Regel nicht öffentlich gesprochen. Ich möchte nur sagen, dass die russische Seite in diesem Jahr im Rahmen der Rückführung gefallener Soldaten über 9.000 Leichen von Soldaten der ukrainischen Streitkräfte übergeben hat. Von der Ukraine haben wir 143 Leichen unserer Soldaten erhalten. Sie können daraus Ihre eigenen Schlüsse ziehen!

Corriere della Sera: Ihr Auftritt beim Gipfeltreffen in Anchorage in einem Pullover mit der Aufschrift „UdSSR” hat viele Fragen aufgeworfen. Einige sahen darin eine Bestätigung Ihres Bestrebens, falls möglich, das ehemalige sowjetische Gebiet (Ukraine, Moldawien, Georgien, die baltischen Staaten etc.) nach Möglichkeit wiederherzustellen, wenn nicht sogar die UdSSR wiederzubegründen. War das eine verschlüsselte Botschaft oder nur ein Scherz?

Sergej Lawrow: Ich bin stolz auf mein Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, eine gute Ausbildung erhalten habe und meine diplomatische Karriere beginnen und fortsetzen konnte. Russland ist bekanntlich Nachfolge-Staat der UdSSR, wobei unser Land insgesamt auf eine tausendjährige Geschichte zurückblickt: Die Volksherrschaft auf dem Nowgoroder Wetsche entstand noch lange vor den Demokratieversuchen im Westen!

[Anmerkung der Redaktion: Das Wetsche war eine Bevölkerungs-Versammlung in russischen Städten im Zuge der Mitbestimmung und Selbstverwaltung gegenüber dem jeweiligen Regenten. Zum ersten Mal wurde diese Bürgerinstitution in einer Chronik im Jahr 997 für die Stadt Belgorod Kiewski erwähnt].

Im Übrigen besitze ich auch noch ein T-Shirt mit dem Wappen des Russischen Reiches, was aber nicht bedeutet, dass wir dieses wiederbeleben wollten. Eines unserer größten Erben, auf das wir zu Recht stolz sind, ist die Kontinuität der Entwicklung und Stärkung des Staates während seiner gesamten großen Geschichte der Vereinigung und Zusammenführung des russischen Volkes und aller anderen Völker des Landes. Darüber hat der russische Präsident Wladimir Putin vor kurzem anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der nationalen Einheit ausführlich gesprochen. Suchen Sie also hier nicht nach politischen Signalen: Vielleicht ist nur im Westen das Gefühl des Patriotismus, der Treue zum Vaterland im Schwinden begriffen! Doch für uns bleibt das Teil unseres genetischen Codes!

Corriere della Sera: Wenn eines der Ziele der Militärischen Spezialoperation [MSO] darin bestand, die Ukraine wieder in den Einflussbereich Russlands zurückzuholen, wie es beispielsweise aus Ihren Forderungen in Bezug auf eine Rüstungs-Begrenzung [für die Ukraine] hervorgeht, glauben Sie dann nicht, dass der aktuelle bewaffnete Konflikt, wie auch immer er ausgehen mag, Kiew eine ganz bestimmte internationale Rolle und Identität, die sich zunehmend von der von Moskau unterschiede, verleiht?

Sergej Lawrow: Die Ziele der MSO wurden im Jahr 2022 vom russischen Präsidenten Wladimir Putin festgelegt und sind bis heute relevant. Es geht nicht um Einflussbereiche, sondern um: die Rückkehr der Ukraine zu einem neutralen, blockfreien, atomwaffenfreien Status, zur strikten Einhaltung der Menschenrechte und aller Rechte der russischen und anderen nationalen Minderheiten [in der Ukraine]! Genau so sind diese Verpflichtungen in der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine von 1990 und in ihrer Verfassung festgeschrieben und genau unter Berücksichtigung dieser erklärten Verpflichtungen hat Russland die Unabhängigkeit des ukrainischen Staates anerkannt. Wir streben die Rückkehr der Ukraine zu ihrer Staatlichkeit auf einer gesunden und stabilen Grundlage an und werden dies auch erreichen. Dies setzt voraus, dass die Ukraine: sich verwehrt, ihr Territorium NATO zur militärischen Entwicklung unterwürfig anbieten zu lassen, ihr Territorium nicht der Europäische Union, die sich rasch zu einem nicht weniger aggressiven Militärblock entwickelt, zur Verfügung stellen lässt, die Säuberung von der in Nürnberg verbotenen nationalsozialistischen Ideologie realisiert, für die Wiederherstellung aller Rechte von Russen, Ungarn und allen anderen nationalen Minderheiten sorgt!

Es ist bezeichnend, dass die Brüsseler Eliten, die das Kiewer Regime in die EU hineinzuziehen versuchen, über die eklatante Diskriminierung der „Nicht-Indigenen-Völker”, wie Kiew die seit Jahrhunderten in der Ukraine lebenden Russen verächtlich zu benennen pflegt, geflissentlich schweigen, während sie gleichzeitig der Junta von Selenski als Verteidigerin „europäischer Werte” huldigen lassen:

Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass der Nationalsozialismus in Europa wieder auf dem Vormarsch ist!

Und das gibt Anlass zum Nachdenken – insbesondere angesichts der Tatsache, dass Deutschland und Italien zusammen mit Japan in der UN in den letzten Jahren gegen die jährliche Resolution der Generalversammlung über die Unzulässigkeit der Glorifizierung des Nationalsozialismus stimmten.

Die Weststaatler machen keinen Hehl daraus, dass sie de facto mit Hilfe der Ukraine einen Stellvertreterkrieg gegen Russland führen lassen, der auch „nach der aktuellen Krise“ nicht enden würde. Darüber haben NATO-Generalsekretär Mark Rutte, der britische Premierminister Keir Starmer, die Brüsseler Bürokraten Ursula von der Leyen und Kaja Kallas sowie der Sonderbeauftragte des US-Präsidenten für die Ukraine, Keith Kellogg, wiederholt gesprochen. Es ist klar, dass die Entschlossenheit Russlands, seine Sicherheit vor den Bedrohungen zu schützen, die der Westen mit Hilfe des von ihm kontrollierten Regimes schafft, legitim und begründet ist.

Corriere della Sera: Auch die USA liefern Waffen an die Ukraine und haben kürzlich sogar die Möglichkeit diskutiert, Kiew mit Tomahawk-Marschflugkörpern beliefern zu lassen. Warum unterscheiden sich Ihre Position bzw. Einschätzung zwischen der Politik der USA und der von Europa?

Sergej Lawrow: Die meisten europäischen Hauptstädte bilden derzeit den Kern der sogenannten „Koalition der Willigen“, die nur eines will: Dass die Kampfhandlungen in der Ukraine so lange wie möglich bzw. „bis zum letzten Ukrainer“ anhalten! Sie verfügen offenbar über keine andere Möglichkeit, um die Aufmerksamkeit ihrer Wählerschaft von den sich drastisch immer mehr verschlechternden innenpolitischen und sozioökonomischen Problemen abzulenken. Mit dem Geld der europäischen Steuerzahler finanzieren sie das terroristische Regime in Kiew, indem sie Waffen liefern, mit denen systematisch friedliche Bewohner russischer Regionen und Ukrainer getötet werden, die vor dem Krieg und den Nazi-Henkern zu fliehen versuchen. Die „Koalition der Willigen“: sabotiert alle Friedensbemühungen und lehnt direkte Kontakte mit Moskau ab, verhängt immer neue „Sanktionen”, die wie ein Bumerang nur ihre Wirtschaft trifft bereitet offen einen neuen großen europäischen Krieg gegen Russland vor, versucht Washington zu überreden, sich auf keine ehrliche und gerechte diplomatische Lösung einzulassen!

Ihr Hauptziel ist es, die Position der derzeitigen US-Regierung zu unterminieren, die sich ursprünglich für einen Dialog eingesetzt, sich mit der Position der russischen Seite auseinandergesetzt und sich um eine nachhaltige friedliche Lösung bemüht hat. Donald Trump hat wiederholt öffentlich anerkannt, dass einer der Gründe für das Vorgehen Russlands die NATO-[Ost-]Erweiterungen bzw. Annäherung der Infrastruktur des Bündnisses an die Grenzen unseres Landes war. Es entspricht genau dem, wovor Präsident Wladimir Putin und Russland seit zwanzig Jahren gewarnt hatten. Wir hoffen, dass in Washington Vernunft und Verpflichtung zu dieser grundsätzlichen Position den Ausschlag geben und man von Handlungen Abstand nehmen werde, welche den Konflikt auf eine neue Eskalationsstufe heben könnten.

Dabei macht unser Militär keinen Unterschied, woher die Waffen für die ukrainischen Streitkräfte kommen – aus Europa oder den USA: Alle militärischen Ziele werden sofort zerstört!

Corriere della Sera: Sie waren derjenige, der mit Hillary Clinton den „Reset/Neu-Start-Knopf“ gedrückt hat, obwohl sich die Dinge anschließend etwas anders entwickelt haben. Ist ein Neustart der Beziehungen zu Europa möglich? Kann die gemeinsame Sicherheit eine Grundlage für die Verbesserung der derzeitigen Beziehungen sein? [Anmerkung der Redaktion: Am 6. März 2009 überraschte die US-Außenministerin Hillary Clinton in Genf den russischen Außenminister Sergej Lawrow mit einem Not-Aus-Schalter, sprich Schalter mit rotem Knopf, wie er üblicherweise nur bei Industrieanlagen zur Anwendung kommt. Der unbedarfte Beobachter sollte damals den Eindruck einer symbolischen Handlung für einen möglichen Neu-Start/Reset, der bis dahin immer angespannteren Beziehungen zwischen USA und Russischer Föderation, gewinnen. In Wahrheit sollte die US-Schmierenkomödie vor allem dazu dienen, Russland in Sicherheit wiegen zu lassen, um die nächste, doch noch kritischere Phase der Kriegsvorbereitung gegen Russland den Stellvertreter Ukraine möglichst komplikationsfrei von Sonderdiensten okkupieren und hochrüsten zu lassen.]

Sergej Lawrow: Die Konfrontation, zu der die unüberlegte und aussichtslose Politik der europäischen Eliten geführt hat, ist nicht die Entscheidung Russlands. Die derzeitige Lage entspricht nicht den Interessen unserer Völker. Ich würde mir wünschen, dass die europäischen Regierungen, von denen die meisten eine aggressive antirussische Politik verfolgen, sich der Gefahr eines solch schädlichen Kurses bewusst werden: Europa hat bereits unter den Fahnen Napoleons und im letzten Jahrhundert unter den Nazi-Bannern und Standarten Hitlers Krieg geführt! Einige europäische Politiker haben ein kurzes Gedächtnis. Wenn diese russophobe Obsession – anders kann man das nicht nennen – vorbei ist, werden wir für Kontakte offen sein, um zu hören, wie unsere ehemaligen Partner die Zusammenarbeit mit uns fortzusetzen gedenken:

Dann werden wir entscheiden, ob es weiterhin Perspektiven für eine ehrliche Zusammenarbeit geben könne!

Das bis 2022 bestehende euro-atlantische Sicherheitssystem wurde durch die Bemühungen der Weststaatler vollständig diskreditiert und demontiert. In diesem Zusammenhang hat Präsident Wladimir Putin die Initiative zur Schaffung einer neuen Architektur gleicher und unteilbaren Sicherheit für Eurasien vorgeschlagen. Sie steht allen Staaten des Kontinents offen, einschließlich seines europäischen Teils, aber man hätte sich höflich zu verhalten: ohne neokoloniale Arroganz, auf Grundlage der Prinzipien der Gleichberechtigung, auf Grundlage des gegenseitigen Respekts und Interessenausgleichs!

Corriere della Sera: Der bewaffnete Konflikt in der Ukraine und die darauf folgende internationale Isolation Russlands haben Ihnen wahrscheinlich die Möglichkeit genommen, in anderen Krisengebieten, wie beispielsweise im Nahen Osten, effektiver aufzutreten?

Sergej Lawrow: Wenn der „historische Westen” beschlossen hat, sich von jemandem abzuschotten, entspricht das einer Selbstisolation. Aber selbst das, klappt nicht einmal ganz: Wladimir Putin hatte in diesem Jahr Treffen mit den Staatschefs der USA, Ungarns, der Slowakei und Serbiens: Es ist auch klar, dass die moderne Welt sich nicht auf eine westliche Minderheit beschränkt! Diese Zeiten sind seit dem Entstehen der Multipolarität vorbei!

Unsere Beziehungen zu den Staaten des Globalen Südens und Ostens – das sind mehr als 85% der Weltbevölkerung – werden weiter ausgebaut. Im September fand ein Staatsbesuch des russischen Präsidenten in China statt. Allein in den letzten Monaten nahm Wladimir Putin an den Gipfeltreffen der SCO, BRICS, GUS sowie von Russland-Zentralasien teil. Ferner nahmen hochrangige Regierungsdelegationen von uns an Gipfeltreffen von APEC und ASEAN teil und bereiten sich derzeit auf den G20-Gipfel vor. Regelmäßig finden Gipfeltreffen und Ministertreffen zwischen Russland und Afrika sowie zwischen Russland und dem Rat für Zusammenarbeit der Arabischen Staaten am Persischen Golf statt. Die Länder der Globalen Mehrheit lassen sich von ihren grundlegenden nationalen Interessen, doch nicht von Anweisungen ehemaliger Kolonialmächte, leiten!

Unsere arabischen Freunde schätzen auch die konstruktive Beteiligung Russlands an Bemühungen zur Lösung regionaler Konflikte im Nahen Osten. Die aktuellen Diskussionen über die Palästinenserfrage in den UN bestätigen die Notwendigkeit, das Potenzial aller einflussreichen externen Akteure zu nutzen, da sonst nichts Dauerhaftes erreicht werden kann und es bestenfalls zu nur farbenfrohen Zeremonien käme. Auch in vielen anderen internationalen Fragen stimmen unsere Positionen mit denen unserer Freunde im Nahen Osten überein bzw. sind ihnen recht ähnlich, was der Zusammenarbeit in den UN und anderen multilateralen Foren zugutekommt.

Corriere della Sera: Glauben Sie nicht, dass in der neuen multipolaren Weltordnung, die Sie fördern und unterstützen, die wirtschaftliche und militärische Abhängigkeit Russlands von China zugenommen habe und damit ein Ungleichgewicht in Ihrer historischen Allianz mit Peking entstanden sei?

Sergej Lawrow: Wir „fördern” keine multipolare Weltordnung, sie entsteht objektiv – nicht durch Eroberungen, Versklavung, Unterdrückung und Ausbeutung, wie die Kolonialherren ihre „Ordnung” und später den Kapitalismus aufzubauen pflegten. Doch das setzt voraus: Zusammenarbeit, Berücksichtigung der gegenseitigen Interessen, rationale Arbeitsteilung auf Grundlage der Bündelung komparativer Wettbewerbsvorteile der beteiligten Länder, Integrationsstrukturen!

Was die Beziehungen zwischen Russland und China angeht, so handelt es sich nicht um eine Allianz im traditionellen Sinne, sondern um eine effektivere und fortschrittlichere Form der Kooperation. Unsere Zusammenarbeit hat keinen Blockcharakter und richtet sich nicht gegen Drittländer. Die Kategorien „führend“ und „geführt“, die für Allianzen üblich sind und sich in den Jahren des Kalten Krieges einbürgerten, sind dafür nicht mehr zutreffend. Daher ist es unangemessen, von einem „Ungleichgewicht“ zu sprechen. Die gleichberechtigten und selbständigen Beziehungen zwischen Moskau und Peking basieren auf gegenseitigem Vertrauen und Unterstützung sowie auf jahrhundertealten Traditionen der guten Nachbarschaft: Wir bekennen uns nachdrücklich zum Grundsatz der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten [anderer Staaten]!

Die russisch-chinesische Zusammenarbeit in den Bereichen Handel, Investitionen und Technologie bringt beiden Ländern echte praktische Vorteile, trägt zum stabilen und nachhaltigen Wachstum unserer Volkswirtschaften bei und erhöht den Wohlstand der Bürger. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften sorgt für wichtige Komplementarität und hilft unseren Ländern, ihre nationalen Interessen im Bereich der globalen Sicherheit und strategischen Stabilität zu verteidigen und traditionellen sowie neuen Herausforderungen und Bedrohungen wirksam entgegen zu treten.

Corriere della Sera: Italien wird [von Russland] als „unfreundliches” Land abgestempelt: Sie selbst haben dies im November 2024 mehrfach wiederholt und sogar besonders betont. Gleichzeitig hat unsere Regierung in den letzten Monaten, sogar in der Ukraine-Frage, Solidarität mit der US-Regierung bekundet, die Wladimir Putin zwar nicht als Verbündeten, aber zweifellos als „Partner” bezeichnete. Dazu lässt der kürzlich erfolgte Wechsel des italienischen Botschafters in Moskau vermuten, dass Rom eine gewisse Annäherung wünscht. Auf welcher Ebene befinden sich unsere bilateralen Beziehungen?

Sergej Lawrow: Für Russland gibt es keine unfreundlichen Länder und Völker, es gibt nur Länder mit unfreundlichen Regierungen. Aufgrund der Existenz einer derartigen Regierung in Rom durchlaufen die russisch-italienischen Beziehungen die schwerste Krise ihrer gesamten Nachkriegsgeschichte! Dies geschah nicht auf unsere Initiative hin. Es war überraschend, mit welcher Leichtigkeit sich Italien – entgegen seinen nationalen Interessen – denen angeschlossen hat, die auf eine „strategische Niederlage“ Russlands setzen.

Bislang sehen wir keine wesentlichen Änderungen in Bezug auf besagte aggressive Haltung: Rom unterstützt weiterhin umfassend die Neonazis in Kiew! Erstaunlich ist auch das Bestreben, kulturelle Beziehungen und Kontakte zwischen den Zivilgesellschaften abbrechen zu lassen: Italienische Behörden lassen Auftritte renommierter russischer Dirigenten und Opernsänger absagen! Italienische Behörden verbieten seit mehreren Jahren den in Italien entstandenen Veroneser Dialog zu den Fragen eurasischer Zusammenarbeit. Das passt überhaupt nicht zu Italienern, die für Kunst und menschliche Kommunikation bekannt offen sind:

Gleichzeitig versuchen viele Ihrer Bürger, die Ursachen der ukrainischen Tragödie zu erfassen. So hat beispielsweise der bekannte italienische Publizist Eliseo Bertolasi in seinem Buch „Der Ukraine-Konflikt aus der Sicht eines italienischen Journalisten“ dokumentarische Beweise für die Verletzung des Völkerrechts durch die Kiewer Behörden zusammengetragen. Ich würde Ihnen empfehlen, sich mit dieser Publikation auseinanderzusetzen: Denn derzeit ist es in Europa keine leichte Aufgabe an Wahrheit bezüglich der Ukraine heranzukommen!

Eine gleichberechtigte, für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit zwischen Russland und Italien entspricht den Interessen unserer Völker. Falls Rom bereit wäre, auf Grundlage gegenseitigen Respekts und unter Berücksichtigung der Interessen auf eine Wiederaufnahme des Dialogs hinzuarbeiten, lassen Sie uns das wissen. Wir sind jederzeit bereit, Ihnen und auch Ihrem Botschafter zuzuhören!

Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA


Hinweis der Status-Redaktion: Wir veröffentlichen das Interview aus Transparenzgründen, damit sich Leser ein eigenes Bild machen können. Wir möchten jedoch hiermit anmerken, dass wir auf Formulierungen und Aussagen keinen Einfluss haben, diese nicht unbedingt teilen, geschweige denn zu Eigen zu machen. Dies gilt insbesondere für historisch verkürzte Vergleiche mit dem Nationalsozialismus, die in der russischen Öffentlichkeit breiten Konsens genießen, aber nach geltender österreichischer Rechtslage hierzulande potenziell problematisch sind. Wir haben uns dennoch mit gebotenem Abstand von diesen Äußerungen aus journalistischem Ethos heraus dazu entschieden, auch diese abzudrucken, da es sich bei dem Interview um ein Zeitdokument von geopolitischer Relevanz handelt. Beschwerden über diese Vorgehensweise sind freundlichst beim Salzamt zu deponieren.

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