Chaos in Ceuta: Wirbel um Israels Interessen nach Asyl-Ansturm
Migranten: Screenshot via X; Flaggen: Magnific (3); Komposition: Der Status.
Die Szenen aus Ceuta schockieren weiterhin ganz Europa: Am Donnerstag überwanden rund 49.000 Migranten die Grenze zur spanischen Exklave an der nordafrikanischen Küste. In der Nachbetrachtung weisen mehrere Kommentatoren nun darauf hin, dass ein Ende der spanischen Kontrolle über die Straße von Gibraltar auch eine geopolitische Komponente hat, die insbesondere auch im israelischen Interesse wäre. Eine Deutung, welche auch von Personen aus dem Dunstkreis der israelischen Führung befeuert wird.
Israel-Botschafter: "Koloniale Exklaven"
Dass die Rolle Israels ins Rampenlicht gerät, beruht nicht etwa auf "antisemitischen Verschwörungstheorien" - sondern ist mitunter eine direkte Folge der Einlassungen von Vertretern des offiziellen Israel. Noch in der Nacht auf Freitag überraschte ausgerechnet Danny Danon, der ständige Botschafter Israels bei den Vereinten Nationen (UNO) mit einer Aussage in sozialen Medien. Diese lassen die Deutung zu, dass Israel zumindest kein allzugroßes Problem mit dem Ansturm von 50.000 Migranten auf EU-Gebiet hat.
Er schrieb wörtlich: "Spanien, das keine Gelegenheit auslässt, Israel zu belehren, hat in Ceuta einen Notstand ausgerufen nach der jüngsten Krise seiner Einwanderungspolitik. Vielleicht sollte Spanien, bevor es damit weitermacht, uns zu belehren, der Welt erklären, warum es weiterhin koloniale Exklave in Afrika unterhält".
Detail am Rande: Ceuta steht seit 1415 unter der Kontrolle iberischer Staaten und seit 1580 (de facto) bzw. 1668 (de jure) in Spaniens Einfluss und war bis dato nie marokkanisches Hoheitsgebiet. Zwischen 1694 und 1727 widerstand die Stadt sogar einer der längsten Belagerungen der Geschichte durch marokkanische Truppen.
Spain, which never misses an opportunity to lecture Israel, has declared a state of emergency in Ceuta following the crisis over its immigration policy.
— Danny Danon 🇮🇱 דני דנון (@dannydanon) July 30, 2026
Maybe before it continues lecturing us, it’s time it explained to the world why it still maintains colonial enclaves in…
Spanien kontrolliert "Mittelmeer-Einlass"
Dass Spanien sich die "Problematik" seiner Nordafrika-Städte ungeachtet ihrer Rolle als Nadelöhr der illegalen Migration weiterhin antut, hat neben sentimentalen historischen Gründen freilich auch geopolitisch bedeutsame Aspekte. Denn Ceuta liegt in unmittelbarer Nähe der Straße von Gibraltar. Damit muss praktisch jedes Schiff, welches das Mittelmeer von Westen aus befährt, durch spanische Hoheitsgewässer. Was die Herrschaft über Meerengen in Zeiten einer globalisierten Wirtschaft als strategisches Faustpfand wert ist, weiß die Weltpolitik auch nicht erst seit dem Hickhack zwischen den USA und dem Iran um die Straße von Hormus.
Auch israelische Nachrichtenportale thematisieren diesen Umstand nun: Diese Dynamik erkläre, weshalb Marokko in der gemeinsamen Strategie der USA und Israels eine zentrale Rolle spiele. Die Normalisierung der Beziehungen zwischen Jerusalem und Rabat im Rahmen von Trumps "Abraham Accords" stehe dabei in direkter Verbindung mit der Anerkennung marokkanischer Gebietsansprüche. Das maghrebinische Königreich beansprucht formell Ceuta & Melilla, aber auch das Westsahara-Gebiet. Spanien unter Sanchez setzt sich hingegen für eine Autonomie der West-Sahara ein.
Israel hat zudem kein Interesse, eine "feindliche Macht" die Kontrolle über seine Energiexporte ausüben zu lassen:
Israel’s strategic goal is to profit from the export of Middle Eastern energy resources.
— Richard (@ricwe123) July 31, 2026
With those routes passing through the Mediterranean, the Strait of Gibraltar becomes a critical gateway to the Atlantic ,a choke point of enormous geopolitical importance.
Make no… pic.twitter.com/wPfJjOx9uI
Spanien & Marokko profitierten voneinander
Bislang waren die Ansprüche auf die beiden spanischen Exklaven allerdings über Jahrzehnte eher symbolischer Natur, profitierten doch Marokko und Spanien von bilateralen Handelsbeziehungen. Beide zählen das jeweils andere Land trotz der historisch wechselhaften Beziehungen - Spanien war tatsächlich einst als Kolonialmacht in Marokko und der Westsahara tätig - als einen der wichtigsten Partner außerhalb seines Kontinents. Zugleich ist israelkritische Haltung Spaniens eine jahrzehntealte Tradition, die paradoxerweise eine Spätfolge der Öffnung gegenüber dem arabischen Raum unter dem Franco-Regime ist, nachdem das Land zeitweise außenpolitisch isoliert zwischen den Blöcken stand.
In heutiger Sicht stünde sogar noch weniger die Eskalation zwischen beiden Staaten in deren Interesse: Sowohl Spanien als auch Marokko genießen im Vergleich mit ihren übrigen Nachbarländern überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum - nicht nur, aber auch wegen der Entspannung der Beziehung zwischen den Ländern. Als infolge des Russland-Ukraine-Kriegs und der EU-Sanktionen der Gaspreis explodierte, konnte Spanien sich die Sache vergleichsweise erste Reihe fußfrei ansehen, da man seinen Bedarf im großen Stil aus Marokko bzw. Algerien bezieht. Aber all diese Rechnungen hat man offenbar ohne die Großmeister des geopolitischen Schachspiels gemacht.
Jair Netanjahu, der zweite Sohn des israelischen Premier, äußerte sich bereits vor Jahren ähnlich wie Danon aktuell:
🇪🇸🇮🇱 Benjamin Netanyahu’s son, Yair Netanyahu, has since at least 2019 publicly argued that Arabs and Muslims seeking to “free occupied Arab Islamic lands” should focus on Spain’s North African enclaves of Ceuta and Melilla.
— Europa.com (@europa) July 31, 2026
In a 2019 post, he wrote: “Dear Arabs and Muslims.… pic.twitter.com/jz0AvIz31l
Doch auch USA sind Marokko-Premiumpartner
Denn in gleichem Maße lässt sich Marokko von den USA umgarnen, weiß um sein Gewicht als Zünglein an der Waage: Man sitzt einerseits bei der Migrationsfrage nach Europa am Haupthebel, andererseits zieht man auch Vorteile aus der bereits auf das späte 18. Jahrhundert zurückgehenden wohlwollenden Beziehung nach Übersee, als Marokko als eines der ersten Länder die US-Unabhängigkeit anerkannte. In der Gegenwart sind auch die USA für Rabat ein wichtiger Handelspartner: Man liefert den Amerikanern u.a. Phosphat, Textilien und Agrargüter - und diese schicken Maschinen, Fahrzeuge, Getreide und Militärausrüstung in Milliardenhöhe in den Maghreb.
Nach der EU ist Washington somit wichtigster Handelspartner des nordafrikanischen Königreichs, zu einem Freihandelsabkommen gesellen sich auch Sicherheitspakte, wie üblich unter der Überschrift des "Kampfes gegen den islamischen Terror". Die von Trump schon in der ersten Amtszeit unterstützte Normalisierung der Beziehungen zwischen Marokko und Israel gilt weiters auch als Muskelspiel gegenüber dem Iran, während Rabat zur Palästinafrage sich in 5D-Schach übt, um sowohl die restliche arabische Welt als auch die westlichen Verbündeten zu besänftigen. Im Bezug auf Spanien missfällt dem Königreich indes dessen wachsende Annäherung an Algerien unter Premier Sanchez.
Der Ceuta-Ansturm hat laut AfD-EU-Mandatar Tomasz Froelich sowohl innen- als auch außenpolitische Väter:
Dass plötzlich 50.000 Menschen Ceuta stürmen, ist kein Zufall, sondern ein hybrider Angriff, der marokkanischen, amerikanischen und israelischen Interessen dient: Pedro Sánchez hat sich mit den Palästinensern solidarisiert und sich Algerien angenähert. Das missfällt Washington,…
— Tomasz Froelich (@TomaszFroelich) July 31, 2026
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