Wollte Kickl beleidigen: Gewessler beschimpft Fußballfans als Hooligans
Ultras: MJwho, Flickr, CC BY 2.0; Gewessler: Karo Pernegger/Die Grünen, Flickr, CC0; Komposition: Der Status.
Am Samstag beging die FPÖ in Wien ihre 70-Jahr-Feier - und die Reaktionen der politischen Mitbewerber auf die mit Spannung erwartete Kickl-Brandrede ließen nicht lange auf sich warten. Dabei griff Grünen-Chefin Leonore Gewessler mit ihrem Vergleich ins Klo - denn ausgerechnet zur Fußball-WM bezeichnete sie den FPÖ-Chef als "Hooligan" und lieferte für den Vergleich ein Bild, das weitaus größeren Teilen der Fankultur ans Bein pinkelt.
Kickl-Brandrede bei 70-Jahr-Feier
In seiner Rede umriss Kickl den tiefgreifenden Sinn des Freiheitsbegriff im Parteinahmen: Es müsse immer das eigene Volk das letzte Wort in allen politischen Entscheidungen haben - und darüber stünden keine EU, keine WHO & kein Weltklimarat: "Wir sind kein Filialbetrieb einer Brüsseler Konzernzentrale, wir sind keine Befehlsempfänger, und wir sind niemandes tributpflichtiger Vasall!“ Auch die Freiheit des Einzelnen werde bedroht, etwa im Namen des Kampfes gegen angebliche "Desinformation" oder auch "unter dem Vorwand der Bekämpfung einer Pandemie, als man versucht hat, uns einen totalitären Ausnahmezustand als neue Normalität unterzujubeln".
Er bekannte sich zudem zu echtem Grenzschutz und zur Remigration illegaler & integrationsunwilliger Migranten, sowie zu Frieden & Neutralität, zudem zu einem Land, in dem die Jugend wieder Zukunftschancen hätte. Der Sozialstaat sollte wiederum einheimischen Bürgern in Not statt "Völkerwanderern" dienen. Mehr brauchte es nicht, und die für die Zustände rhetorisch scharf attackierten Systemparteien schäumten vor dem Mund. So bezeichnete SPÖ-Geschäftsführer Klaus Seltenheim die in Umfragen bei knapp 40% stehende Oppositionspartei als "Gefahr für die Demokratie". Doch den wirklichen Vogel schoss Grünen-Chefin Leonore Gewessler ab.
Hier könnt ihr die Kickl-Rede nachsehen und euch ein eigenes Bild machen:
Statt Kickl die Fankurven beleidigt
Diese unterstellte Kickl, dass er "die Grundfesten unserer liberalen Demokratie einreißen" wolle. Dafür griff sie zu einer misslungenen Fußball-Metapher: "Alles, was was Herbert Kickl beherrscht, ist, wie ein Hooligan am Spielfeldrand zu stehen, mit Pyrotechnik um sich zu werfen und sich noch daran zu ergötzen, wenn es brennt." Dies machte sie an seiner "rechten Hetze" fest. Dass sich ausgerechnet eine Grüne eines Begriffs bedient, der angesichts seines Ursprungs zur Beschimpfung irischer Einwanderer in Großbritannien normalerweise im Visier linker Sprachpolizisten sein müsste, wiegt dabei noch am geringsten.
Denn sie zeigte dabei auch ihre Unkenntnis der Fußball-Fankultur, die sie so mitbeleidigte. Denn während Hooligans v.a. dafür bekannt sind, sich im Umfeld von Spielen zu Schlägereien mit rivalisierenden Hooligans zu verabreden, entspricht das Bild von Fans mit Pyrotechnik (wie bengalischen Feuern) am Spielfeldrand eher der Ultra-Bewegung, die auch beim eingefleischten Kern österreichischer Fankurven vorherrscht. Sie grenzen sich von Hooligans u.a. dadurch ab, dass selbst die "Erlebnisorientierten" unter ihnen den Sport in den Vordergrund stellen. Zudem existieren Ultra-Gruppen sowohl links, als auch rechts der politischen Mitte - oder sind gänzlich unpolitisch.
Pyrotechnik-Gesetz als Papiertiger
"Pyrotechnik ist kein Verbrechen": Vor dem Hintergrund, dass bengalische Feuer & Co. so über Jahrzehnte zu einem zentralen Teil der österreichischen Fankultur zählten, überwanden Fanclubs praktisch aller Vereine einst ihre Differenzen, um gegen seinerzeitige Novelle des Pyrotechnikgesetzes mobil zu machen, das eine seinerzeitige schwarz-rote Regierung vorantrieb. Am Ende schaute ohnehin eine "österreichische Lösung" heraus, wonach Pyrotechnik im Stadion zwar grundsätzlich verboten ist, aber Ausnahme-Genehmigungen möglich sind. Dann dürfen z.B. 20 Bengalos in den ersten 5 Reihen abgebrannt werden und Strafen gibt's für die überschüssigen 30 Stück.
Wirklich wirkungsvoll ist das Verbot übrigens nicht. Fangruppen finden weiter Wege, die Gegenstände am Einlass vorbei zu schleusen, und fast jede Woche sorgt man damit für recht spektakuläre Bilder. Dafür gab's dann etwa in der Saison 2017/18 satte 3.575 verbotene Einsätze bei Sportveranstaltungen, wobei 99% auf Fußball entfielen. Dafür gibt's dann regelmäßig saftige Geldstrafen für die Vereine seitens der Staatsmacht oder der Bundesliga. Ob der pikante Gewessler-Vergleich, der zahlreiche Fans in Österreichs Stadien vor den Kopf stößt, sei sowieso dahingestellt. Zumal angesichts der Umfragen wohl auch der ein oder andere Fußball-Verrückte bereits die FPÖ wählen wird...
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