Wer viel schießt, hat bald nichts mehr: Trumps Zurückhaltung gegen Iran wegen Munition?
Im von ihm begonnenen Irankrieg zeigt sich US-Präsident Donald Trump derzeit eher zurückhaltend. Trotz diverser Drohungen und der weiteren Blockade der Straße von Hormus durch den Iran, kommt es zu keinen weiteren massiven Angriffen. Versuchen die USA derzeit ihre schwindenden Munitionsvorräte zu schonen?
Trump bombt nicht, obwohl er es immer wieder angedroht hatte. "Viele Beobachter vermuten: Aus Sorge um Ölpreis, Konjunktur und Umfragewerte kneift Trump davor, die Kampfhandlungen [gegen den Iran] wieder aufzunehmen", mutmaßt etwa die Bild-Zeitung. Denn zuletzt hatte Trump die fragile Waffenruhe verlängert, obwohl sich der Iran alles andere als bereit zeigt, sich den Forderungen der USA zu beugen.
Ob es wirklich am Ölpreis oder an den Umfragewerten liegt, die zuvor auch nicht unbedingt eine große Rolle spielten, als der US-israelische Überfall begann, ist fraglich. Auch die Waffenruhe und mögliche weitere Verhandlungen dürften kaum die Zurückhaltung erklären, immerhin bombardierten die USA im vergangenen Jahr auch während noch laufender Verhandlungen den Iran. Der Grund könnte sehr viel banaler sein: Schonung der US-Munitionsvorräte.
Bestände durch Iran-Krieg dezimiert
Wer viel schießt, hat bald nichts mehr. Nachschub, auch der von Munition, ist in einem Krieg immer von Bedeutung. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat sich daher den Munitionsverbrauch der USA im Irankrieg näher angeschaut. Das Resultat: In den letzten sieben Wochen des Krieges hat das US-Militär mindestens 45 Prozent seiner Bestände an Präzisionsraketen, mindestens die Hälfte seines Bestands an THAAD-Raketen - sie dienen zur Abwehr ballistischer Raketen - und fast 50 Prozent seiner Bestände an Patriot-Luftabwehrraketen verbraucht. Allerdings zeigt die Analyse der sieben wichtigen Munitionstypen, dass die USA über genügend Raketen verfügen, um den Krieg gegen den Iran unter jedem plausiblen Szenario fortzusetzen.
Günstigere Alternativen mit Nachteilen
Immerhin gibt es für jeden Munitionstypen auch Alternativen in den US-Depots. Allerdings mit Nachteilen. Statt Langstrecken-Luft-Boden-Raketen vom Typ Joint Air-to-Surface Standoff Missile (JASSM), die 2,6 Millionen US-Dollar kosten, können die USA auch BLU-110-Bomben einsetzen, die mit einem Joint Direct Attack Munition-Lenkungssatz ausgestattet sind und weniger als 100.000 US-Dollar kosten. Jedoch hat Letztere eine geringere Reichweite, was bedeutet, dass der Einsatz bzw. Abschuss mit mehr Gefahren verbunden ist und für einen umfassenden Einsatz die Luftüberlegenheit errungen werden muss. Anders ist es allerdings bei Systemen zur Abwehr von ballistischen Raketen. Für Patriot, THAAD und Standard-Raketen gibt es laut der Analyse keinen brauchbaren Ersatz.
Jahre um Bestände aufzufüllen
Laut der Analyse des CSIS, hat das US-Militär zudem etwa 30 Prozent des Bestands an Tomahawk-Raketen, mehr als 20 Prozent an Langstrecken-Luft-Boden-Raketen (JASSM) und etwa 20 Prozent seiner SM-3- und SM-6-Raketen verbraucht. Um diese Bestände zu ersetzen braucht es rund vier bis fünf Jahre. Ebenso gibt es bei Patriot-Raketen bereits mehr oder weniger Engpässe. Die USA haben geschätzt rund 2.330 Stück im Bestand und verbrauchten im Iran geschätzt zwischen 1.060 und 1.430 Stück. Lockheed Martin produziert derzeit pro Jahr rund 600 Stück - allerdings ist geplant die Produktion der PAC-3 MSE bis 2030 auf 2.000 Stück zu erhöhen. Da aber auch 18 weitere Länder das Patriot-System einsetzen, sind diese Raketen sehr gefragt.
Wie Produktion aufteilen?
Allein Ukraine-Machthaber Wolodymyr Selenski würde - mit fremdem Geld - jede Patriot-Rakete kaufen, deren er habhaft werden kann. Während des Ukraine-Krieges hat Kiew schon mehr als 600 Raketen von den USA und anderen Verbündeten erhalten. Zuletzt drückte Selenski auch schon sein Bedauern darüber aus, dass jede im Nahen Osten abgefeuerte Patriot-Rakete eine weniger ist, die die Ukraine kaufen bzw. geschenkt bekommen kann. Bleibt also die schwierige Frage, wie die Produktion aufgeteilt wird. Bisher ging etwa die Hälfte der Jahresproduktion an Verbündete und Partner. Doch mit dem erhöhten Verbrauch im Iran müssen auch die USA wieder ihre Bestände auffüllen - und auch andere Überlegungen spielen eine Rolle.
Gegen China geschwächt
So hatte die Trump-Administration schon deutlich gemacht, dass ihre Prioritäten etwa auch China und dem pazifischen Raum gelten - Der Status berichtete. Die CSIS-Analyse kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Zahl der in den US-Beständen verbleibenden kritischen Munitionsvorräte nicht mehr ausreicht, um einem fast gleichwertigen Gegner wie China entgegenzutreten, zumal die Aufstockung der Bestände auf Vorkriegsniveau Jahre dauert. Pazifik-orientierte Strategen werden wollen, dass die USA die Produktion von Patriot- und anderen Raketen für den Einsatz im westlichen Pazifik zurückhalten.
"Der hohe Munitionsverbrauch hat im westlichen Pazifik eine Phase erhöhter Verwundbarkeit geschaffen", so der pensionierte Oberst des Marinekorps und Mitautor der CSIS-Analyse Mark Cancian gegenüber Medien. Schon vor dem Iran seien die Bestände unzureichend gewesen, die jetzigen würden jedoch die Einsatzmöglichkeiten der USA im Falle eines künftigen Konflikts einschränken. "Es wird ein bis vier Jahre dauern, diese Bestände wieder aufzufüllen, und danach noch mehrere Jahre, um sie auf das erforderliche Niveau zu erweitern", so Cancian. Kommen also "Verteilungskämpfe" um Munition?
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