Möglicher Stopp von LNG-Importen

Plötzlich 'droht' Russland wieder: Ausstieg aus russischem Gas geht der EU zu schnell?

Politik
Bild: kremlin.ru, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Die russische Bedrohung ist wieder verstärkt da. Angesichts der derzeitigen Preissteigerungen für Gas und Öl und den Unsicherheiten im Nahen Osten durch den Krieg zwischen den USA und Israel denkt Russland laut darüber nach, seine LNG-Importe nach Europa zeitnah zu beenden. Damit käme es nur dem beschlossenen LNG-Importverbot der EU zuvor - aber für die EU plötzlich zu schnell?

"Um Krise zu verschärfen? Putin droht mit sofortigem Stopp aller Gaslieferungen in die EU", titelt etwa ntv. Bei der österreichischen Tageszeitung Presse heißt es hingegen: "'Jetzt sofort': Putin droht mit Stopp der Gaslieferungen in die EU". Was aber ist genau die Drohung? Schließlich hatten erst die EU und ihre Mitgliedstaaten - zumindest  24 der 27 - ein komplettes Importverbot für russisches Gas in die Union beschlossen.  Ab dem 1. November 2027 soll es keine Importe von russischem Gas mehr geben. Langfristige Lieferverträge sind bis zu diesem Stichtag aufzulösen, für kurzfristige Importe gelten als Fristen bereits der 25. April 2026 für LNG und der 17. Juni 2026 für Pipeline-Gas. Allerdings hatte man sich ein Hintertürchen offengelassen: So kann es Ausnahmen bzw. Sonderregeln bei Notlagen geben, dann darf doch im Ausnahmefall Gas aus Russland eingeführt werden - Der Status berichtete

Keine gemütliche Suche nach Alternativen

Die EU-Kommission betonte immer wieder, dass das Einfuhrverbot keine Probleme bereiten würde. Für die Versorgungssicherheit bestehe kein Risiko, da es am Markt genug Anbieter gebe. Zwar machte sich der EU-Energiebeauftragte Dan Jorgensen zuletzt ein paar Gedanken, dass man zu abhängig von LNG aus den USA werde, aber es gäbe Alternativen - Der Status berichtete. Und schließlich hatte man sich ja eine Frist von fast zwei Jahren gegeben, um gemütlich nach Alternativen zu suchen. Doch nun scheint man von einer möglichen "Fristverkürzung" des Importverbots durch den Kreml überrascht, offenbar hat man nicht damit gerechnet, dass immer zwei dazugehören und der Kreml den Spieß umdrehen und den Gashahn bereits eher zudrehen könnte - mit allen Folgen für europäische Energiepreise.

Russland nutzt Gunst der Stunde

Da sich durch den Krieg im Nahen Osten, die Sperrung der Meerenge von Hormus, die Stilllegung der LNG-Produktion in Katar sowie der größten Ölraffinerie Saudi-Arabiens eine neue Lage ergeben hat, erwägt der Kreml diese zu nutzen. Denn die Wettbewerbsposition Russlands hat sich verbessert. In einem Interview im russischen Staatsfernsehen mit Russlands Präsident Wladimir Putin geführt vom Korrespondenten Pavel Zarubin, erklärt Putin zur neuen Sachlage: "Jetzt öffnen sich andere Märkte. Und vielleicht wäre es für uns profitabler, die Belieferung des europäischen Marktes sofort einzustellen. Um in diese sich öffnenden Märkte vorzudringen und uns dort zu etablieren ... Das ist keine Entscheidung, sondern in diesem Fall das, was man als laut denken bezeichnet. Ich werde die Regierung auf jeden Fall anweisen, gemeinsam mit unseren Unternehmen an diesem Thema zu arbeiten." Denn durch den Konflikt im Nahen Osten seien laut Putin neue Kunden entstanden, die bereit seien, dasselbe Erdgas zu höheren Preisen zu kaufen.

Langfristige Geschäftsinteressen

Angeblich gehe es dabei auch nur um das Geschäft und langfristige Geschäftsbeziehungen. Wenn, so Putin, die EU kein russisches Gas mehr kaufen wolle und ein Ende der Geschäftsbeziehungen bereits absehbar sei, "ist es besser, jetzt selbst aufzuhören und in die Länder zu gehen, die zuverlässige Partner sind, und uns dort zu etablieren". Allerdings dürfte dies nicht die gesamte EU betreffen, wie der russische Präsident weiter deutlich macht.

"Russland war und ist ein zuverlässiger Energielieferant für alle unsere Partner, darunter übrigens auch die europäischen. Und wir werden weiterhin auf diese Weise mit den Partnern zusammenarbeiten, die selbst zuverlässige Partner sind – zum Beispiel denen in Osteuropa, wie der Slowakei und Ungarn", so Putin.

Kein russisches Gas, leere Speicher

Wie Reuters, aber auch andere Medien, wie die Tagesschau berichten, machte im vergangenen Jahr laut EU russisches Gas nur noch 6 Prozent der Erdgasimporte aus - in Summe 7,4 Milliarden Euro - insgesamt wurde  LNG für 46 Milliarden Euro in die EU importiert, wobei der Löwenanteil von rund 24,2 Milliarden Euro auf die USA entfiel. Allerdings ist der Füllstand der Gasspeicher der EU-Mitgliedstaaten inzwischen auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Mit Stichtag 03. März 2026 war es ein EU-weiter Füllstand von 29,76 Prozent, in Deutschland nur noch 20,83 Prozent. Die Speicher bis zum kommenden Winter wieder ausreichend zu füllen, könnte nicht nur sehr teuer, sondern auch außerordentlich schwierig werden.

Bessere Schachspieler im Kreml

Denn die vom EU-Energiebeauftragtem Dan Jorgensen angesprochenen alternativen Gaslieferanten  Kanada, Katar und nordafrikanische Länder, sind zumindest derzeit alles andere als wirkliche Alternativen. Und Putin sprach zudem einen weiteren Aspekt an, der für die EU schwierig werden könnte: "Wenn solche Premium-Käufer auftauchen, dann denke ich, ja, ich bin mir sogar sicher, dass einige traditionelle Lieferanten, wie die Amerikaner und amerikanische Unternehmen, natürlich den europäischen Markt zugunsten höher zahlender Märkte verlassen werden."

Der Dilettantismus der EU-Bonzen dürfte zudem ein weiteres Detail übersehen oder vergessen haben. Schon als die EU im Herbst 2023 ein Einfuhr-Embargo für russische Erdölprodukte beschloss, drehte der Kreml den Spieß um und verhängte vor Inkrafttreten des EU-Beschlusses einen Ausfuhr-Stopp für Benzin und Diesel. Während daraufhin in Russland die Preise für Kraftstoffe sanken, stiegen sie hierzulande weiter an - Der Status berichtete. Die jetzige Ankündigung des Kreml ist also nur eine Wiederholung des alten Spiels, was jedoch dank der "Professionalität" der EU immer wieder funktioniert. Man könnte fast glauben, im Kreml säßen die besseren Schachspieler, die einfach mehrere Züge vorausdenken.

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