Unzufriedene Bürger sind ihnen lästig

'Mieselsucht': NEOS-Staatssekretär beschimpfte Volk mit erfundenem Zitat

Politik
Bild: © BMEIA/ Michael Gruber, Flickr, CC BY 2.0 (Bildausschnitt)

NEOS-Staatssekretär Sepp Schellhorn ist nicht gerade das beliebteste Mitglied einer ohnehin außerordentlich unbeliebten Regierung. In der Vorwoche leistete er sich einen Eklat, als er den Österreichern einen Hang zur "Mieselsucht" unterstellte. Zum Drüberstreuen suggerierte der pinke Politiker, dies sei nicht seine Bewertung, sondern die des skandalträchtigen Schriftstellers Thomas Bernhard. Nun stellt sich heraus: Bei allen Volksbeschimpfungen, die der Literat pflegte - das vermeintliche Zitat ist offenbar erfunden.

Das böse Volk und seine "Mieselsucht"

Die schlechten Umfragewerte der schwarz-rot-pinken "Ömpel" stoßen den glücklosen Handelnden sichtlich auf. Ein Indiz dafür lieferte NEOS-Staatssekretär Sepp Schellhorn nach dem Ministerrat in der Vorwoche. Denn schuld daran ist für ihn nicht die zweifelhafte Performance der Koalition, sondern der undankbare Pöbel: "Beim Österreicher an und für sich ist das noch ein bisschen ausgeprägter, wie [Thomas] Bernhard schon gesagt hat. Der Österreicher an und für sich steht auf die Mieselsucht. Das ist ein Zitat - nicht meines - sondern eines hochrangigen, leider schon verstorbenen Literaten." 

Wählerbeschimpfung, ausgelagert auf das vermeintliche Zitat eines Schriftstellers: Schon das ist eigentlich kein guter Stil. Doch nun kommt es noch dicker: Denn offenbar kommt ein solches Zitat in den Werken des 1989 verstorbenen Autors nicht vor. Doppelt skurril indes ist, dass beinahe die gesamte Medienlandschaft dies als Bernhard-Zitat verbreitete, denn die Aussage fiel kurz nach einer Passage in der Pressekonferenz, in der Schellhorn die Förderung von "Qualitätsjournalismus" thematisierte. Einzig der in diesem Zusammenhang oft kritisch beäugte "eXXpress" sowie dessen inzwischen für "Statement" tätiger Ex-Chefredakteur Richard Schmitt forschten offenbar genauer nach...

"Achter-Sepp" & sein Verhältnis zur Realität

Ein offenbar erfundes Zitat, das der Copy-Paste-Journalismus für bare Münze nimmt: Es ist kein Ruhmesblatt für den polit-medialen Komplex - und erst recht nicht für die NEOS. Schließlich beanspruchen diese doch die Bildungsfrage als ihr Kernthema und setzten alles daran, dass Christoph Wiederkehr das entsprechende Ministerium für die Pinken leiten darf. Zugleich ist es nicht das erste Mal, dass Schellhorn die Bürger beim Narren hält. Unvergessen sind etwa seine Ausflüchte zur Rechtfertigung seiner Luxus-Dienstkarossen - eine Episode, die dem "Deregulierungs-Staatssekretär" den unschmeichelhaften Spitznamen "Achter-Sepp" einbrachte.

Schon vor fast drei Jahren, als Schellhorn gerade in "Polit-Pause" war und sich als Gastronom betätigte, wollte er der Öffentlichkeit weismachen, dass er mit einem Schnitzel um 28 Euro angeblich nur 1 Euro Gewinn mache. Dabei rechnete er u.a. Mondpreise für Erdäpfel, Eier und Personalkosten vor. Dem Volk kam das nicht zu Unrecht ziemlich spanisch vor. Tatsächlich legte einer andere Gastronomin kurz darauf eine realistischere Rechnung vor, wonach Schellhorn das goldgelbe Paniergericht wohl eher nur rund 4,50 Euro kosten dürfte - Der Status berichtete seinerzeit über die skurrile Posse. 

"Österreich-Besudler" trotzdem kein Leitbild

Nichtsdestotrotz: Ungeachtet des Falschzitats stellt sich die Frage, ob der als griesgrämig bekannte Literat, der Österreich und seine Bürger mehrfach derb beschimpfte, als Vorbild im Umgang mit dem Wahlvolk für einen Politiker dienen sollte. Schließlich wetterte der Schriftsteller einst über "6,5 Millionen Debile und Tobsüchtige" im Land, deren Mentalität außerdem sei "wie ein Punschkrapfen: außen rot, innen braun und immer ein bisschen betrunken". Oder auch: "In jedem Östereicher steckt ein Massenmörder." Wahlweise auch: "Wenn man die Gemeinheit der Bewohner mit der Schönheit der Landschaft verrechnet, kommt man auf Selbstmord."

In der Vergangenheit führten solche Bernhard-Ergüsse übrigens sogar bei roten & schwarzen Politikern zu Unmut. So warf der spätere SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky ihm vor, sich "unter Einstreichung guter Steuerschillinge die eigene Verklemmung über dieses Land vom Leib zu schreiben“. Auch Ex-SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky oder Ex-ÖVP-Bundespräsident Kurt Waldheim hatten seinerzeit keine Freude mit der Österreich-Beschimpfung im berüchtigten Stück "Heldenplatz" (1988). Vier Jahrzehnte später darf der in der Zwischenzeit vom Kulturbetrieb mythifizierte Schriftsteller dann mithilfe offenbar erfundener Zitate für Wählerschimpfung von der Regierungsbank herhalten.

FPÖ: "Zeigt wahre Geisteshaltung der Regierung"

Dass dies den Sinkflug der schwarz-rot-pinken Umfragewerte bremst, darf ohnehin bezweifelt werden. Denn viele Österreicher dürften es wohl eher mit der Bewertung von FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz halten, dessen Partei haushoch in allen Umfragen führt: "Diese Skandal-Aussage sei kein einzelner Fehltritt, sondern zeige die wahre Geisteshaltung dieser Regierung. Sie sehe die Bevölkerung nicht als ihren Auftraggeber, sondern als 'lästiges Störfeuer'." Die Menschen seien nicht "mieselsüchtig", sondern hätten "schlicht und einfach die Nase voll von einer Regierung, die das Land an die Wand fährt".

Bürger hätten "Angst um ihre Zukunft, um die Sicherheit ihrer Kinder, um ihren Arbeitsplatz, um den Fortbestand ihres Betriebs und um ihren hart erarbeiteten Wohlstand". Wenn die Antwort der Regierung darauf eine kollektive Beschimpfung sei, habe sie "endgültig jede Legitimation verloren, an der es ihr ohnehin bereits von Anfang an gefehlt hat", meinte Schnedlitz in der Reaktion auf die Schellhorn-Entgleisung, dem er wiederum den Rücktritt empfahl. Ohnehin mangle es der Koalition an Selbstreflexion: "Die Systemparteien machen tagtäglich mit ihrem Totalversagen das Leben der Menschen schlechter und wundern sich dann auch noch, dass sie ihnen dafür nicht zujubeln."

+++ Folgt uns auf Telegram: t.me/DerStatus & auf Twitter/X: @derStatus_at +++

Dir gefällt unsere Arbeit? Unterstütze uns jetzt mit deiner Spende, damit wir weiterhin berichten können!

Kontoinhaber: JJMB Media GmbH
IBAN: AT03 1500 0043 9102 6418
BIC: OBKLAT2L
Verwendungszweck: Spende

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten