Kalt erwischt: Russland könnte Öltransit von Kasachstan nach Deutschland einstellen
Die Meldung dürfte in Berlin für etwas Kopfzerbrechen sorgen. So soll Russland erwägen, den Öltransit über die Druschba-Pipeline aus Kasachstan einzustellen. Damit würde einer der Hauptlieferanten für die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt wegfallen. Das Vorgehen des Kreml dürfte mehrere Gründe haben, unter anderem Deutschlands neue enge Militärkooperation mit der Ukraine, aber auch ein Warnschuss bezüglich der Versorgung der NATO-Ostflanke.
"Kein Öl mehr aus Kasachstan: Putin will Berlin und Umland Sprit-Hahn zudrehen!", titelt etwa die Bild. Doch dies ist wohl nur die halbe Wahrheit, allerdings eine beunruhigende. Denn, wie die Nachrichtenagentur Reuters zuletzt unter Berufung auf drei anonyme Quellen berichtete, will Russland mit Stichtag 1. Mai die Ölexporte aus Kasachstan nach Deutschland über die Druschba-Pipeline einstellen. Dazu sei auch bereits ein angepasster Zeitplan für die Ölexporte nach Kasachstan und Deutschland übermittelt worden, so die Quellen. Auf Nachfrage von Reuters erklärte Kreml-Sprecher Dimitri Peskow, nichts von einem solchen Vorhaben zu wissen: "Wir werden versuchen, das zu überprüfen." Die deutsche Regierung und das kasachische Energieministerium reagierten nicht sofort auf Anfragen.
Macht Putin den Selenski?
Nachdem man in Deutschland und der EU großteils Sanktionen gegen russisches Öl und auch Gas verhängt hatte, wurde Kasachstan als neuer Partner ausersehen. Vor allem die PCK-Raffinerie wird mittels Druschba-Pipeline mit kasachischem Öl versorgt. Die Ölexporte nach Deutschland über die Pipeline machten 2025 insgesamt 2,146 Millionen Tonnen - etwa 43.000 Barrel pro Tag - aus. Durch einen vollständigen Lieferstopp würden rund 17 Prozent der bis zu 12 Millionen Tonnen Öl pro Jahr wegfallen, die in der Raffinerie in Schwedt verarbeitet werden.
Ein Grund, dass Russland den Transit einstellen könnte, dürften unter anderem die wiederholten ukrainischen Angriffe auf die Ölinfrastruktur und Pipelines in Russland sein. So wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski kein russisches Öl durch die Ukraine in EU-Staaten leiten will und die Druschba-Pipeline als Druckmittel gegen Ungarn und die Slowakei verwendete, wäre es aus russischer Sicht ebenso logisch, wenn Russlands Präsident Wladimir Putin "den Selenski macht" und den Transit zu potentiell "feindlich eingestellte" Staaten wie Deutschland unterbindet. "Sanktionen" wohl einmal andersherum...
Iran-Krise und deutsch-ukrainische Zusammenarbeit
Und derzeit ist für derartige Maßnahmen die Zeit mehr als günstig. So hat das Iran-Abenteuer von US-Präsidenten Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu nicht nur den Weltmarkt durcheinandergewirbelt und eine Energiekrise ausgelöst, sondern auch wurden die Öl-Sanktionen gegen Russland von US-Seite gelockert bzw. wiederholt ausgesetzt - Der Status berichtete. Und Russland verdient an der Lockerung beträchtlich, die Einnahmen des Kreml haben sich verdoppelt. Zugleich verschob auch die EU den Beschluss für das geplante dauerhafte Importverbot für russisches Öl aufgrund der "aktuellen geopolitischen Entwicklung".
Zudem haben Deutschland und die Ukraine zuletzt bei deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen eine engere militärische Zusammenarbeit vereinbart - Der Status berichtete. Dabei schenkt Deutschland der Ukraine nicht nur "mehrere hundert Patriot-Raketen" und auch weitere IRIS-T-Luftabwehrsysteme, sondern investiert mehrere Hundert Millionen Euro, um die Produktion ukrainischer Langstreckenwaffen auszuweiten und die Produktion von KI-gestützten Drohnen zu unterstützen. Dies dürfte im Kreml einmal mehr dafür gesorgt haben, dass man Deutschland zunehmend als feindlichen Staat wahrnimmt, werden damit doch Angriffe in die Tiefen Russlands und damit auch die Infrastruktur, über die Deutschland kasachisches Öl bezieht, ermöglicht.
Warnung für NATO-Ostflanke
Mit der möglichen Einstellung der kasachischen Öllieferungen über die Druschba-Pipeline, die russisches Ölimporte langfristig substituieren sollen, würde Russland aber nicht nur Deutschland treffen, vielmehr dürfte der Kreml damit auch strategische Ziele verfolgen. Denn die PCK-Raffinerie in Schwedt, deren russische Hauptgesellschafter Rosneft faktisch enteignet wurde und die PCK unter Treuhandschaft des Bundes gestellt wurde, versorgt nicht nur Berlin und Brandenburg mit Kraftstoffen, sondern ist auch bei Planungen für die Versorgung der NATO-Ostflanke zuständig und muss diese sicherstellen - ebenso versorgt sie teilweise Polen und indirekt die Ukraine - weshalb der Raffinerie auch unbefristete Ausnahmeregelungen von Sanktionen durch die USA gewährt wurden. Zwar würde im Falle einer Aggression Russlands gegen die NATO-Ostflanke der Kreml den Transit ohnehin beenden, doch die neue Situation sorgt für weitere Komplikationen.
Lieferwege teurer und unsicherer
Der Sprecher von Rosneft Deutschland, Burkhard Woelki, erklärt: "Wir müssen prüfen, wie wir gegebenenfalls Ersatzlieferungen sicherstellen können, damit die PCK weiterhin voll produzieren kann." Man sei dabei die Auswirkungen zu prüfen, aber es handle sich um keine unlösbare Situation. Und ein Sprecher des polnischen Pipelinebetreibers PERN erklärte gegenüber Reuters bereits, dass man bereit sei, Öl für nicht-russische Anteilseigner von PCK über den Hafen von Danzig zu transportieren. Auch kasachisches Öl ließe sich vermutlich anders nach Deutschland verfrachten, aber die Kosten für den Transport und die Unsicherheiten würden weiter steigen. Und Russland zeigt einmal mehr, dass es mit dem Transit weitere Hebel und Druckmittel hat - nicht nur gegen Deutschland, sondern auch gegen Kasachstan, welches sich zuletzt für russische Ansichten zu EU-freundlich gezeigt haben dürfte.
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