Eskalation statt Gespräche: Auch im Baltikum braut sich ein Krisenherd zusammen
Bild: Bundeswehr-Fotos , : Kampfpanzer Leopard 2A5 bei einer Lehr- und Gefechtsvorführung. , Wikimedia Commons CC BY 2.0
Offenbar ist das Baltikum nunmehr zu einem „Sprungbrett“ für einen möglichen NATO-Angriff auf Russland geworden. Experten schätzen die potentiellen Gefahren für Russland vor dem Hintergrund einer zunehmenden Militarisierung des Baltikums, wie auch Nordeuropas ein.
Ein redaktionell bearbeiteter Artikel aus unser Kooperation mit UnserMitteleuropa
Russische Westflanke im Visier
Angefangen bei der Blockade der Region Kaliningrad - also der Region um das ehemalige Königsberg, das heute eine russische Exklave an der Ostsee ist - bis zu Angriffen auf Sankt Petersburg, so schätzen Experten die potenziellen Gefahren für Russland vor dem Hintergrund der Militarisierung des Baltikums und Nordeuropas ein. Das Baltikum sei längst zu einem Sprungbrett für einen möglichen Angriff auf Russland geworden, wie die Zeitung "Wsgljad" (der Name bedeutet so viel wie "Ansicht" oder "Blick") berichtet.
Estland sei im Falle einer „russischen Invasion“ angeblich bereit, die Kampfhandlungen auf sein Territorium zu verlagern. Dies erklärte der estnische Außenminister Margus Tsahkna in einem Interview für die Zeitung The Telegraph. Seinen Worten zu Folge seien die drei baltischen Republiken in der Lage, jeden Angriff Moskaus abzuwehren und sogar einen ernsthaften „Gegenschlag“ gegen einen potenziellen Feind zu führen. Der Minister präzisierte diesbezüglich, „genau zu diesem Zweck beschleunigen wir derzeit das Tempo der Investitionen in die Verteidigung, wir haben diesen Indikator auf fünf Prozent des BIP erhöht. “
Er kritisierte außerdem die früheren Szenarien der NATO, wonach Russland angeblich in kürzester Zeit das Baltikum „besetzen“ werde und betonte, „das sind alte Konzepte, die davon ausgehen, dass von den Esten nichts übrigbleiben wird. Solche Einschätzungen interessieren uns jetzt nicht mehr, wir sind bereit, uns zu wehren. “ Tatsächlich bauen die baltischen Staaten ihre Verteidigungsfähigkeit ernsthaft aus. Tallinn hat bereits beschlossen, in Narva, einer Stadt an der Grenze zu Russland, eine Militärstadt zu errichten, berichtet der Rundfunk ERR. Auf dem dafür vorgesehenen Gelände sollen zwölf Gebäude für bis zu 1.000 Soldaten entstehen.
Einheitliche Verteidigungslinie der Balten
Dieses Projekt ist Teil einer groß angelegten Initiative zur Schaffung einer einheitlichen Verteidigungslinie, die sich über alle drei baltischen Staaten erstrecken soll. Der genaue Zeitpunkt für den Abschluss der Arbeiten steht noch nicht fest, Estland beabsichtigt jedoch, seinen Abschnitt bis Ende 2027 fertigzustellen, wie die Nachrichtenagentur RIA Nowosti berichtete.
Das Hauptgewicht in der Region liegt weiterhin auf Litauen. Die Zahl seiner Soldaten liegt in den Zehntausenden. Deutschland verlegte erst kürzlich eine Panzerbrigade nach Litauen. Außerdem ist auf dem Truppenübungsplatz Rukla eine NATO-Kampftruppe unter deutschem Kommando stationiert. Die Zeitung Wsgljad berichtete zuvor auch ausführlich über die mangelnde Bereitschaft der Bundeswehrsoldaten, für diese Region Blut zu vergießen, Der Status berichtet.
Estland hat sich seinerseits für die Rolle des „Schutzschildes“ der baltischen Staaten entschieden. Auf seinem Territorium befindet sich das Cybersicherheitszentrum der Allianz CCDCOE, bemerkenswert ist, dass diese Einrichtung bereits im Jahr 2020 die Fähigkeiten zur Neutralisierung einer potenziellen gegnerischen Luftabwehr trainiert hatte. Gleichzeitig plant Tallinn, seine Luftabwehr zu verstärken, und erwägt den Kauf von Patriot- oder SAMP-Luftabwehrsystemen.
Dabei existieren die militärischen Bemühungen der baltischen Staaten wohl nicht in einem Vakuum, sie sind eng in andere westliche Institutionen innerhalb der NATO integriert. Eine besonders enge Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich haben die drei Länder mit den nordeuropäischen Staate Dänemark, Island, Norwegen, Finnland und Schweden aufgebaut. Seit 1992 besteht zwischen diesen acht Nationen das Format Nordic-Baltic Eight (NB8), eine regionale Struktur, die die Zusammenarbeit von Regierungen, Außenministern und Experten in einer ganzen Reihe von Bereichen, darunter auch der Verteidigung, koordiniert.
Eine nicht unerhebliche Rolle spielt auch die Nordische Verteidigungszusammenarbeit (NORDEFCO). Dieser Block (Dänemark, Island, Norwegen, Finnland, Schweden) hat sich die Integration der Armee-Institutionen der teilnehmenden Länder zum Ziel gesetzt. Bis 2022 verlief der Prozess eher langsam, so einigten sich die Staaten beispielsweise nur auf eine einheitliche Kampfuniform unter Beibehaltung der nationalen Tarnkleidung.
Tempo nach Ukraine-Konflikt massiv verschärft
Nach Beginn des Ukraine-Konflikts hat sich das Tempo der Integration in diesem Rahmen jedoch deutlich beschleunigt. So hatte etwa das Wall Street Journal eine Art „Bilanz“ dieses Prozesses gezogen. Im Jahr 2023 hatten Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark ihre Luftstreitkräfte integriert, und ein Jahr später hatten sie ein gemeinsames Verteidigungskonzept ausgearbeitet, dessen Umsetzung bis 2030 geplant ist. Es wird darauf hingewiesen, dass die „Zusammenlegung“ der militärischen Ressourcen fortgesetzt werde.
Der Integrationselan der „Nordländer“ erstreckt sich auch auf das Baltikum. Nach dem Beitritt Schwedens zur NATO belegte Stockholm laut dem Foreign Policy Research Institute mit 550 Soldaten den vierten Platz in Bezug auf die „Armeepräsenz“ in Lettland. Der zweitwichtigste Truppensteller ist Dänemark mit etwa 850 Soldaten. Insgesamt entfällt etwa ein Drittel der 3.500 ausländischen NATO-Soldaten in Lettland auf Nordeuropa.
Von der gemeinsamen Dienstleistung geht die „Acht“ zu einem einheitlichen System der militärischen Beschaffung über. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Anschaffung von CV90-Schützenpanzern. Wie das Portal Defense Industry Europe berichtete, haben Estland, Finnland, Litauen, Norwegen und Schweden eine Vereinbarung über den gemeinsamen Ausbau ihrer Bestände dieser Fahrzeuge unterzeichnet. Nach Ansicht von Experten werde dies die Kompatibilität und Einsatzfähigkeit der Kontingente der skandinavischen und baltischen Länder verbessern. Somit wird das gesamte Angriffspotenzial der acht Staaten als recht hoch eingeschätzt, und der Prozess der Militarisierung der Region stellt Russland vor große Herausforderungen.
Der Militärexperte Juri Knutow erklärte dazu, „der Rüstungsstand der drei baltischen Republiken entspricht den Standards des 20. Jahrhunderts. Er weist darauf hin, dass neben der deutschen Panzerbrigade auch das 203. Panzer-Bataillon mit Leopard 2A7 und das 122. Motorisierte Infanterie-Bataillon mit Puma-Schützenpanzern in Litauen stationiert sind. Insgesamt könnten bis zu 200 Panzer zum Einsatz kommen. Die multinationale NATO-Kampftruppe ist seit Februar offiziell als drittes Kampfbataillon in die Struktur der 45. Brigade integriert. Zu den Unterstützungseinheiten gehören eine Artillerie-Division, ein Versorgungsbataillon, eine Aufklärungseinheit, eine Pionierkompanie und eine Fernmeldekompanie.
Durchhalten bis „Hauptstreitkräfte“ eintreffen
Knutow erläuterte weiter, „deshalb ist Litauen so kämpferisch. Lettland setzt hingegen nur auf die Hilfe der NATO. Wie die Generäle des Bündnisses sagen, besteht die Aufgabe der baltischen Staaten darin, zwei Wochen lang durchzuhalten, bis die Hauptstreitkräfte eintreffen. “
Wassili Kaschin, Direktor des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien der russischen Nationalen Forschungsuniversität Wirtschaftshochschule Moskau, meinte, „die baltischen Staaten verfügen über kein großes Angriffspotenzial, aber diese Gebiete liegen in der Nähe der größten Städte Russlands. Wenn sie als Stützpunkte für Kampfdrohnen, Artillerie und Raketen genutzt werden, können sie eine Bedrohung darstellen. Große Verbände der NATO können in die baltischen Staaten verlegt werden, die Republiken selbst sind jedoch nicht in der Lage, der russischen Armee Widerstand zu leisten“.
Ihm zu Folge bestehe die Hauptaufgabe der baltischen Armeen darin, die militärische Infrastruktur des Bündnisses zu schützen. Zu diesem Zweck hatten die baltischen Staaten Verträge über den Erwerb von HIMARS mit ATACMS-Raketen abgeschlossen. Er weist darauf hin, dass eine Reihe großer russischer Städte, darunter Sankt Petersburg, sich in der Reichweite dieser Waffen befänden. Wie bereits erwähnt, arbeiten die baltischen Staaten eng mit den nordeuropäischen Ländern Norwegen, Finnland, Schweden, Dänemark und Island zusammen. In Bezug auf die Bewaffnung und Ausbildung sind Schweden und Finnland führend, was seitens Wsgljad separat analysiert wurde.
Schweden lobt „unerprobte“ Kampfflugzeuge
Die Schweden loben auch ihre Gripen-Kampfflugzeuge und bezeichnen sie als „Killer der Su-57″. Kaschin hob dazu jedoch hervor, „allerdings wurden sie noch nirgendwo im Kriegseinsatz verwendet, daher ist es noch zu früh, über ihre Vorteile zu sprechen. Sie sind zwar leicht, wendig und mit modernen Raketen ausgerüstet. Was sie in der Praxis leisten können, wird sich aber erst zeigen. “
Nach Ansicht von Kaschin bestehe eine der realen Bedrohungen seitens der baltischen Staaten in Angriffen auf die Handelsschifffahrt in der Ostsee. Dazu betonte er, „dies erfordert eine ständige Präsenz der russischen Flotte, um Schiffe zu schützen und Abschreckungspotenzial zu demonstrieren. Dies ist jedoch bereits eine Frage der Beziehungen zur NATO und nicht separat zum Baltikum. Diese Länder und einige nordeuropäische Staaten, beispielsweise Dänemark, können nur als Provokateure auftreten. Sie verstehen, dass Russland keinen Konflikt mit dem Bündnis will, werden jedoch selbst keine entschlossenen Maßnahmen ergreifen. “
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