Daten können dem Staat nicht anvertraut werden

Beamtendämmerung: Warum das Datenleak von Berlin so katastrophal ist

Politik
Symbolbild: KI-generiert (ChatGPT)

Der Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung legt nicht nur peinliche Schlamperei offen, sondern ein massives Sicherheitsversagen. Millionen Dateien mit sensiblen Bürgerdaten und kritischer Infrastruktur sind nun öffentlich zugänglich. Was sagt dies über den Staat aus?

In Berlin regiert vor allem eines: die Inkompetenz. Was sonst gerne ironisch überspielt und mit einem charmanten Lächeln à la Wowereits „arm aber sexy“-Spruchs von 2003 quittiert wird ist ein handfestes Sicherheitsrisiko.

Nun ist geschehen, was früher oder später geschehen musste: Die seit 2023 aktive Hackergruppe Rhysida hat zwischen dem 7. und dem 12. August unbemerkt Daten gestohlen. Ungefähr 5.8 Terabyte in circa 1.44 Millionen Dateien, um genau zu sein.

Rhysida hatte als Lösegeld 30 Bitcoin, also ca. 2 Millionen Euro gefordert. Da dies nicht gezahlt wurde, wurden die Daten veröffentlicht. Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin, hatte verlautbart, auf die Erpressung nicht eingehen zu wollen. Das war verständlich und vernünftig, da eine solche Zahlung erst recht Anreize für zukünftige Angriffe setzen würde.

Vor allem die Senatsverwaltungen für Bauen, Wohnen und Verkehr sowie Teile des Umwelt- und Verkehrsressorts waren Ziel der Attacke geworden. Später wurde bemerkt, dass auch weitere Bereiche wie die Bauverwaltung betroffen waren. Der Angriff wurde am 14. August bemerkt. Daraufhin wurden am selben Tag zwei Ressort-Netzwerke vorsorglich abgeschaltet, was zeitweise Anträge (z. B. Wohngeld) und Zahlungen lahmlegte. Die Hacker stellten ein Ultimatum, das am 4. September auslief. Vermutlich war das Ende dieses Ultimatums an einem Freitag Kalkül: Immerhin würde sich kein Beamter das wohlverdiente Wochenende vermiesen lassen und gar Extraschichten einlegen. Die Daten konnten somit über das Wochenende hinweg von Hinz und Kunz heruntergeladen werden.

Bürger können erpressbar werden

Mit dabei: Personenbezogene Daten, vor allem von Beschäftigten des Landes wie Geburtsurkunden, Personalakten, Gehaltslisten, Urlaubs- und Abwesenheitslisten, private Handynummern, Adressen, E-Mail-Adressen, Bankdaten und weitere Kontaktdaten. Teils sind auch Bürger betroffen, die zwar nicht in der Verwaltung arbeiten, aber mit ihr in Verbindung standen. Zehntausende Verträge, E-Mails, Passwörter, Login-Daten, Ordnungs- und Verwaltungsverfahren, teils Justizunterlagen. Die Gefahr von Identitätsdiebstählen ist immens. Kriminelle können Verträge oder Bestellungen im Namen der Betroffenen abschließen, Konten eröffnen oder Kreditanträge stellen, Behördenleistungen missbräuchlich beantragen. Je mehr Informationen verfügbar sind, und das sind sie durch diesen Leak, desto glaubwürdiger können diese Kriminelle auftreten. Desto schwieriger wird es, Betrug von tatsächlichen Vorgängen zu unterscheiden. Betrügern wird auch personalisiertes Phishing einfacher gemacht. Das betrifft nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihr Umfeld, ihre Geschäftspartner, und so weiter - diese können ebenfalls Opfer personalisierter Attacken werden und dürften sich der durch den Leak erhöhten Gefahr gar nicht erst bewusst sein. Die Daten sind im Darknet öffentlich und kopierbar. Sie können über Monate und Jahre hinweg weiterverkauft, kombiniert und für neue Angriffe genutzt werden, sind also eine Ressource, die noch lange verfügbar sein wird. Abgesehen von Identitätsdiebstahl können auch Erpressungen möglich sein.

Oder einfacher: Eine der Dateien ist eine Anleitung zur Erstellung von Dienstausweisen. Kriminelle können jetzt beispielsweise in Polizeiuniform auftauchen, einen korrekten Ausweis vorzeigen, vertrauensselige Rentner ausrauben.

Staatsgeheimnisse offen im Darknet zugänglich

Im Datenkonvolut mit dabei sind aber eben auch Staatsgeheimnisse, und das ist der eigentliche Skandal. Daten zu Heizkraftwerken, Tanklagern, Notstromanlagen, Umspannwerken, Wasserwerken, Gefängnissen, Rüstungsunternehmen, Teilen der Bundeswehr und der Berliner Innenverwaltung mit Verteidigungsbezug sind nun offen verfügbar. Berichte zu Infrastrukturschwachstellen und interne Vermerke dazu ebenfalls. 

Besonders relevant: Ein Ordner namens "AG CBRN‑Rahmenplanung", also der Planung zu chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Bedrohungen, sowie weitere Notfall- und Verteidigungspläne. Terrorangriffe können jetzt besser geplant, Gegenmaßnahmen vorausgesehen, Panikreaktionen der Bevölkerung stärker gesteuert und instrumentalisiert werden. Persönliche Daten können geändert werden, was zwar zeitaufwändig und ärgerlich, aber möglich ist. Das Berliner Stromnetz beispielsweise und seine neuralgischen Punkte können nicht so einfach umgebaut werden.

Im Mainstream wurden im Zusammenhang mit dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt Daten absurde Bemerkungen angebracht, dass durch die Partei sensible Informationen nach Russland abfließen könnten. Wie amüsant, dass im Falle von Berlin in- und ausländische Terrorgruppen jetzt problemlos und bestinformiert potenziell tödliche Anschläge planen können. Wir erinnern uns an den durch die Vulkangruppe verübten Anschlag, der zum Stromausfall im tiefsten Berliner Winter Anfang diesen Jahres geführt hatte.

Hacker nutzten mangelnde IT-Kompetenz aus

Wie konnte Rhysida überhaupt in das System hinein? Beamte waren auf eine Phishing-Website hereingefallen, die wie LinkedIn aussah. Anscheinend hatte jemand aus der Verwaltung wohl so sehr an Langeweile zu leiden, dass er oder sie sich nach grüneren Weiden umsehen wollte. Offenbar besitzt die Berliner Verwaltung keine funktionierende IT-Kompetenz, die zum einen in der Lage gewesen wäre, den Angriff früh genug zu bemerken, zum anderen ihn von vornherein zu verhindern. Gut, IT-Fachkräfte verdienen in der Verwaltung auch nicht viel und können in der freien Wirtschaft ein viel höheres Einkommen erzielen. Dies würde erklären, dass sich nicht die besten Informatiker für einen Job in der Verwaltung bewerben.

Rhysida ist eine sogenannte Ransomware- oder Erpressergruppe, die weltweit Regierungen, Krankenhäuser, Unternehmen und Schulen angreift. Sie soll in Russland oder Osteuropa verortet sein und hat bereits Angriffe unter anderem auf die Stadtverwaltung Stuttgart, das chilenische Militär und die British Library verübt. Ihr Modus Operandi: Das Stehlen von Daten, die Forderung von Lösegeld, bei Nichtzahlung Veröffentlichung.

Das Datenkonvolut des Leaks wird händisch geprüft, deshalb ist das gesamte Ausmaß bisher immer noch unklar. Eine unglaubliche Verschwendung von Zeit und Ressourcen. KI wird nicht eingesetzt, die Daten könnten nämlich in amerikanischen Firmen landen (welch Ironie!). Auf die Idee, einen fähigen IT-ler zu beauftragen, um selbst ein Open Source-Modell aufzusetzen (was höchstens einige Tausend Euro kosten würde) kommt niemand. Ist offenbar nicht drin im Budget.

Nun hätten die Beamten als Sicherheitsmaßnahme Dateien verschlüsseln können. Das wäre genau richtig für Fälle wie diese gewesen. Anscheinend ist dies auch bei einigen Dateien geschehen. Allerdings: Das zugehörige Passwort wurde aber ebenfalls herumgeschickt, und zwar in einem unverschlüsselten Word-Dokument namens "Passwörter.docx"

Beamte und ihre peinlichen Zeitvertreibereien

Die Beamten glänzen immerhin auch mit Selbstironie. Es tauchen auch Ebooks wie „Befoerdert_durch_Abwesenheit–Wer_nichts_macht_macht_nichts_falsch“ oder „Beamten-Guide_Maximale_Pension_bei_minimaler_Bewegung“ in der Datenliste auf. Oder auch die „Cybersicherheitsstrategie“: „hacker_bitte_nicht_rein.txt“.

Vieles ist amüsant. So findet sich im Ordner "GI-Vertraulich" eine Reihe exportierter Emails mit erbaulichem Inhalt, was an Titeln wie "FLOW", "Hygge", "IKIGAI", "Feng_Shui", "Intuition", "Gefühle", "Herz_Gehirn_Energiefelder", "Hakuna_Matata", "Glück_in_Worten" und "guter_Wille_Kant_Komplimente" deutlich wird. Der deutsche Beamte muss auch einmal die Seele baumeln lassen.

All das klingt natürlich unglaublich witzig, ist es aber nicht. An anderer Stelle hatte ich bereits über die "Enshittification" der BRD geschrieben - der Status berichtete. Die Infrastruktur erodiert, es geschehen immer mehr vermeidbare Fehler, niemand fühlt sich verantwortlich. Die im Grunde rationale Reaktion darauf: Raubbau am Staat und seiner Substanz betreiben, abgreifen was geht, auf den eigenen Vorteil bedacht sein. So geht ein Land vor die Hunde. Währenddessen wird die Verwaltung immer weiter aufgebläht und vergrößert. Immer mehr Steuern müssen erhoben werden, um diesen nimmersatten Leviathan zu füttern. Das Vertrauen der Bürger in den Staat ist zurecht irreparabel angeschlagen.

Im alten China stellten Beamte die Elite. Sie mussten eine sehr schwierige Prüfung ablegen, die de facto als IQ-Test fungierte. Dafür waren sie sehr angesehen, konnten oft mehrere Frauen heiraten und viel Nachwuchs haben. Ihre positiven Eigenschaften wurden also in die nächste Generation getragen und verbesserten die Gesellschaft.

Unsere deutschen Beamten der Gegenwart sind ganz offensichtlich nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt.

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