'Russenhass verwerflich': Oskar Lafontaine gegen die Opferhierarchie
Bild: DIE LINKE/Martin Heinlein, Wahlkampfveranstaltung mit Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine und Susanne Hennig-Wellsow in ihrem Wahlkreis in Weimar., CC BY 2.0
Oskar Lafontaine provoziert bewusst und trifft damit einen Nerv: Ist „Russenhass“ in Deutschland salonfähig, solange er sich gegen die „richtige“ Nation richtet? Über Timing lässt sich streiten, über das Prinzip nicht: Kollektivschuld bleibt Unrecht.
Eine überfällige Debatte zum falschen Moment
Oskar Lafontaine hat für Furore gesagt. Im unmittelbaren Umfeld zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus veröffentlichte der BSW-Politiker eine provokante These in den sozialen Medien. Demnach sei Russenhass nicht weniger verwerflich als der Antisemitismus. Prompt regte sich Widerspruch, vor allem aus der Ukraine zugewandten Kreisen. „Widerlich“, so kommentierte beispielsweise Constanze Stelzenmüller, ihres Zeichens Direktorin des „Center on the United States of Europe“, mit EU-Flagge im Profil. Zahlreiche Medien wie die „Jüdische Allgemeine“, WELT oder „Tagesschau“ berichteten, der Antisemitismusbeauftragte des Saarlandes nannte die Äußerung „völlig inakzeptabel“. Aus den Reihen der CDU kamen Reaktionen wie „geschmacklos“, „beschämend“ und „peinlich“. Doch wie zielführend ist der Vorwurf, hier seien die Opfer des Holocaust relativiert worden? Man scheint in der heutigen Debatte prinzipiell zuerst zu schreiben, dann zu denken. Hauptsache Empörung, Widerspruch ohne Sinn und Verstand, ohne ein kurzes Innehalten und Durchatmen.
Der Augenblick war schlecht gewählt, der Gedanke hingegen nachvollziehbar und nötig
Denn würde man dem Gedanken einen Augenblick Aufmerksamkeit schenken, den die frühere „Linken“-Ikone angetrieben haben dürfte, so kann man durchaus nachvollziehen, welche Intention hinter seiner Stellungnahme steckt. Verachtung, Missgunst und Argwohn gegen Menschen kennen keine Rangfolge. Wer sein Gegenüber allein aufgrund dessen religiöser, ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit schmäht, der neigt sehr schnell dazu, den einfachen Bürger für staatliches Handeln in Sippenhaft zu nehmen. Sind die Bewohner der Föderation ganz allgemein dafür verantwortlich, was ihr Militär im Nachbarland treibt? Waren zwischen 1933 und 1945 alle Nazis? So, wie es schwierig ist, Gräuel und Verbrechen in eine Relation zu setzen, ohne ihre jeweilige Singularität zu schmälern, so bleibt es auch mit dem demokratischen Gedanken der Unantastbarkeit von Würde unvereinbar, die Moskauer Durchschnittsbevölkerung zum Sündenbock zu erklären. Dies impliziert keinesfalls, die Leidtragenden von Hitlers Regime mit den Unterdrückten der Despotie Putins gleichzusetzen.
Das Volk ist nicht der Sündenbock für die Machthaber
Vorurteile gegenüber Juden sind nicht hinzunehmen. Ein Generalverdacht gegenüber jedem, der einen weiß-blau-roten Pass trägt, verbietet sich ebenfalls. Man kann darüber streiten, ob der Augenblick günstig war, auf diesen Umstand ausgerechnet an jenem Datum hinzuweisen, das an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau erinnert. In der Sache aber bleibt die angestoßene Diskussion mehr als überfällig, wir sollten unser Verhältnis in Richtung Osten neu überdenken. Nein, damit ist explizit nicht die Forderung verbunden, dem Machthaber im Kreml seinen Überfall auf Kiew zu verzeihen. Er ist unentschuldbar, wenngleich es sich der Westen einigermaßen leicht macht, die Genese des Konfliktes in ihrer Gänze aufzuzeigen. Es bleibt die Expansion der NATO, welche als wesentliche Ursache für den Krieg anzusehen ist. Doch es wären mildere Mittel möglich gewesen, die Autonomie in Regionen zu gewährleisten, die weit vor Selenskyj stiefmütterlich behandelt wurden. Hierüber kann keiner hinwegsehen, aber auch nicht voreilige Schlüsse ziehen.
Respekt vor russischen Bürgern ist keine Kriegsrelativierung
Man muss weder für eine Normalisierung der Beziehungen plädieren, noch in blindes Vertrauen übergehen, wie das offenbar Gerhard Schröder tut. Doch es mangelt an geopolitischem Pragmatismus, vor allem an einem versöhnlichen Charakter der Völker. Niemand verlangt Sympathie für Schergen, die auf Geheiß ihres Machthabers töten. Doch stellvertretende Prügelknaben sollten längst der Vergangenheit angehören, explizit wegen der Erfahrungen aus dem dunkelsten Kapitel der Geschichte. Wo Verallgemeinerung beginnt, da hört Gerechtigkeit auf. Wie viele Bürger unterstützen tatsächlich noch den Kurs, immer weitere Soldaten in den Kampf zu schicken, Geld und Material zu verpulvern? Gerade die Opposition zwischen St. Petersburg und Sibirien, zwischen dem arktischen Norden und dem Kaukasus hat es nicht verdient, unter dem Label der „Putinschergen“ subsumiert zu werden. Feindseligkeit allein der Herkunft willen, sie prangen wir normalerweise an. Doch warum gilt dies nur beschränkt, wenn Betroffenen die – aus transatlantischer Sicht – „falsche“ Identität haben? Dieser Frage muss man sich stellen, nicht am 27. Januar, aber im Rest des Jahres.
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