Ömpel besiegt Spaltung: Ärger über Paketsteuer eint Österreich
Symbolbilder: Magnific (2); Marterbauer: BKA/Brauneis, Wikimedia Commons, CC BY 2.0; Babler & Stocker: beide Bernhard Holub, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Komposition: Der Status.
Seit Donnerstag gilt die bislang europaweit einzigartige "Paketsteuer" von 2,40 Euro auf sämtliche bei Versandriesen - einschließlich bei stationären Händlern in ihrem Partnerprogramm - bestellten Güter. Und wie vorauszusehen war, wird diese - anders als von der Regierung beteuert - zu 100% an den Kunden weitergereicht. Aber zumindest eines hat die schwarz-rot-pinke Pannen-Koalition damit vollbracht: Die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden, denn zum ersten Mal seit Langem sind sich Österreicher jeder Couleur hübsch einig, dass es sich um einen Pfusch der Sonderklasse handelt.
Von Spaltung, Ordnung & Koalitionschaos
"Ordnen statt spalten": Unter diesem Motto tourte SPÖ-Vizekanzler Andreas Babler durch die Republik, um eher glücklos die historischen Tiefstwerte seiner Partei zu bekämpfen. Ähnlich versuchte es ÖVP-Kanzler Christian Stocker: Nachdem er bereits als schwarzer Generalsekretär etwas von "Gestaltung statt Spaltung" raunte und letztere regelmäßig der bösen Opposition vorwirft, ließ er sich sein Publikum für seine Sommertour handverlesen - und selbst das feite ihn nicht vor dem kolossalen Fettnäpfchen, als er zum Besten gab, dass er Kinderbetreuung für "keine Arbeit" halte...
In den jüngsten Umfragen bringen es die beiden einstigen Großparteien, von deren Blütezeit nicht viel mehr übrig geblieben ist außer dem Anspruch, die Republik zwischen einander aufzuteilen, in der Addition nicht einmal mehr auf die 38%, bei denen die oppositionelle FPÖ steht. Auch unter Hinzunahme ihres pinken Beiwagerls hätten sie längst keine parlamentarische Mehrheit mehr. Nur noch knapp mehr als jeder Fünfte wähnt Österreich unter dieser Regierung auf einem guten Weg und während bei den Genossen die Palastrevolte diese Woche schon im Anmarsch ist, könnte sie den Schwarzen spätestens im Vorlauf der Wahlen in Tirol und Niederösterreich drohen.
Die Mär vom nichtbetroffenen Kunden
Doch nun vollbringt die ohnehin so glücklose Regierung ein Kunststück, das ihnen selbst die kühnsten Optimisten nicht mehr zugetraut hätten: Sie schafft einen kolossalen Schritt gegen die tiefen Gräben in der Gesellschaft. Allerdings nicht durch ihr Geschick, sondern eben durch dessen Abwesenheit. Grund dafür ist die mit 1. Oktober in Kraft getretene "Paketsteuer". Eingeführt wurde sie zur Gegenfinanzierung der Mini-Steuersenkung auf ausgewählte, fleischlose Lebensmittel, deren 6-Cent-Rabatt auf den Liter Milch längst durch die Inflation wieder aufgefressen wurde. Bringen sollte sie 280 Mio. Euro ins Marterbauers Steuersäckel.
Kritische Stimmen ahnten vor Monaten dass am Ende nicht Amazon & Co. zum Handkuss kommen, sondern die Bürger. Monatelang beteuerten Babler & Co. das Gegenteil. Noch 2 Tage vor Inkrafttreten ließ man das übliche Dementi über die Parlamentskorrespondenz verkünden. Dann kam der Donnerstag und wer sich an diesem Tag auf Amazon einloggte, durfte feststellen: Pustekuchen. Sämtliche 2,40 Euro - also 2 Euro Abgabe plus 20% Mehrwertsteuer auf die Steuer - werden weitergegeben und zu allem Überdruss vom Versandriesen säuberlich als Posten ausgewiesen, damit auch noch der Letzte weiß, wem er es zu verdanken hat. So köstlich wie grotesk.
Einhellige Ablehnung der Pfusch-Steuer
Wer dieser Tage in der "Länderspielpause" seine Vorliebe für Passivfußball wiederentdeckt, weiß freilich: Auch Eigentore zählen - und jenes der Ömpel ist eines mit Anlauf und Fallrückzieher ins eigene Kreuzeck, also von der Marke "Tor des Monats". In seltener Einigkeit watscht der Volksmund die neue Paketsteuer ab - und zwar nicht nur der "gemeine", sondern auch jener der Kommentatoren. Plötzlich finden sich liberale, sozialdemokratische, grüne und freiheitliche Kommentatoren, die allesamt kein gutes Haar daran lassen. Sogar der Handelsverband läuft Sturm dagegen - etwa, weil rund 4.000 kleine und mittlere Betriebe als sekundäre Amazon-Partner ebenfalls mitbetroffen sind.
Und das ist, obwohl vielen Leuten die allerabsurdesten Verrücktheiten der neuen Steuer noch gar nicht gewahr sind. So wird die Paketabgabe natürlich auch dann nicht rückerstattet, wenn man das Packerl zurückschickt, weil die Ware nicht gefällt oder gar beschädigt ist. Hat der Staat einmal kassiert, hat er für immer kassiert. Und wehe, man ist bei seiner Amazon-Bestellung vergesslich: Einmal 6 Gegenstände macht 2,40 Euro. Sich fünf Minuten später erinnert, dass Batterien um 1,99 Euro auch noch gut wären? Macht nochmal 2,40 Euro. Ein Querschnitt durch die politischen Lager zeugt die Einhelligkeit, mit welcher die neue Steuer das Land verärgert - mehr dazu am Ende des Beitrages.
Sollen's doch den Kuchen essen fahren...?
Die Verteidiger sind jedenfalls schütter gesät, finden sich dann schließlich aber doch - und zwar im Bereich der sogenannten "Qualitätsmedien". Diese erhoffen sich bekanntlich Zuckerl von Babler, der zugleich Medienminister ist, in Form von neuen Millionen-Förderungen und empfehlen sich sogleich mit kritischer Distanz. Andras Szigetvari vom "Standard" befindet: "Naja, wenn deshalb Leute den stationären Handel statt Amazon nutzen, ist die Sache ein Erfolg". Und Georg Renner von "Datum" meint überhaupt: "Was soll ein Staat sonst besteuern, wenn nicht Wohlstandsverhalten mit negativen Folgen?"
Der Witz daran ist freilich: Der stationäre Handel hat davon wenig - und der Endkunde erst recht nicht. Wer beispielsweise sehr ländlich wohnt, fährt mitunter zuerst einmal 25km pro Richtung (rund 8 Euro Spritkosten), um dann festzustellen, dass das Geschäft das gewünschte Produkt - das dort eh um 5 Euro teuer wäre, gar nicht lagernd hat. Er hat nun im Idealfall drei Möglichkeiten: Entweder er nimmt den Weg ein zweites Mal auf sich, um es abzuholen, sobald es vorhanden ist. Oder er hat das Glück, dass der Händler es ihm per Packerl - ohne Steuer, aber mit Versandkosten - heimschickt. Oder er darf erst recht auf Amazon bestellen - ohne Versandkosten, aber mit Steuer.
Kein "Lenkungseffekt" zum stationären Handel
Im Regelfall wird es also darauf hinauslaufen: Der beabsichtigte Lenkungseffekt bleibt sowohl auf der Mikro- als auf der Makroebene aus. Die Leute bestellen weiter bei Online-Riesen, nachdem man diese Gewohnheit während des "alternativlosen" Corona-Diktats salonfähig machte. Im gleichen Handstrich trieb man damals Traditionsbetriebe in allen Branchen nach Generationen und teils Jahrhunderten in den Ruin - zum 1. Mal durch Lockdowns, zum 2. Mal durch die Selbstmord-Sanktionen samt Energiekosten-Explosion und zeitweise zweistelligen Inflationsraten. Nun schließt man den Totkranken an lebenserhaltende Maschinen und versetzt ihm dadurch erst recht den Todesstoß.
Denn am Ende ist der materielle "Lenkungseffekt" wohl, dass Leute auf Amazon lieber 10 Artikel (geliefert in 10 Packerl) auf einmal bestellen, als dann, wenn sie diese wirklich brauchen - und noch ein paar Dinge extra, die sie sonst im stationären Handel kaufen, damit sich's "rentiert". Die Abgabe, von der man als gelernter Österreicher annehmen darf, dass sie auch nach Auslaufen der Mini-MWSt.-Senkung auf Semmeln & Milch bleibt, ruft sich als politische Hundsgeburt indes bei jeder Bestellung in Erinnerung. Und so gesellt sich dann der politische Lenkungseffekt dazu, dass das Erwachen jener an der Wahlurne, die diesen Pfusch verbrochen haben, umso schmerzhafter wird.
Ein kleiner Ausschnitt der Reaktionen...
Wer hätte ahnen können, dass das 1:1 an die Konsumenten weitergegeben wird. 🥹 Ich äußere mich echt selten hier politisch, aber hier fällt es mir echt schwer nix zu sagen. @SPOE_at, ihr habt doch argumentiert, dass das die Unternehmen zahlen werden? Wie tama jetzt weiter? 😂 pic.twitter.com/0U4ewgBHfW
— Georg Waldmensch 🌳 (@GWaldmensch) October 1, 2026
Man bezahlt mit besteuertem Geld den besteuerten Artikel, auf das Ganze noch die Paketsteuer die mit 20% besteuert wird 🤡#nassefetzn #neuwahlen #vollpfosten pic.twitter.com/ySEorfoR9u
— Salomon Grünblatt (@SalomonGruen) October 1, 2026
Die nationale Paketsteuer ist ein 2,40-€-Österreich-Aufschlag im Onlinehandel. Sie belastet den Wirtschaftsstandort, verhindert Innovation, erzeugt unnötige Bürokratie und befeuert den Inflationsdruck. Jeder dritte heimische Webshop & jede zweite Onlinebestellung sind betroffen. pic.twitter.com/mG3cNc6og8
— Gerald Kuehberger (@G_Kuehberger) October 2, 2026
Glaubwürdigkeit, die.
— Rudi Fußi (@rudifussi) October 1, 2026
Oder: Die Paketabgabe, die wir eh nicht zahlen müssen und die den heimischen Handel stärkt. Das Gegenteil ist wahr. Gut, dass diese Phase der leeren Versprechen und Ankündigungspolitik in Kürze zu Ende geht. pic.twitter.com/EO8wGjlyBE
@neos_eu: angetreten mit dem Versprechen, Steuern zu senken.@volkspartei: angetreten mit dem Versprechen "keine neuen Steuern".@SPOE_at: angetreten mit dem Versprechen, Reiche zu besteuern.
— TW 🇪🇺 (@motihari1903go) October 2, 2026
Ergebnis: Eine neue Massensteuer bei über 44% Abgabenquote und 3,2% Inflation.
ReGIERung. Und wieder eine Massensteuer, die die Schwächeren überproportional trifft. Wofür es die NEOS in der Regierung gibt, weiß auch nur die NATO. https://t.co/o6cVevUKRZ
— Heimo Lepuschitz (@heimolepuschitz) October 1, 2026
Die Paketsteuer ist die perfekte Babler-Verarsche:
— Lukas | 🌐 (@lukasludens) October 2, 2026
- Sie wird von den Konsumenten bezahlt
- Sie betrifft tausende kleine Händler auf Plattformen wie Amazon
- Sie ist eine Steuer auf Steuer (MwSt)
- Erhöht Inflation
Er hat an jeder nur verstellbaren Stelle darüber gelogen. 💁 pic.twitter.com/iG3txMMxC4
Da hat die Regierung eine fette Steuer eingeführt, die vor allem junge Menschen belastet.
— Christian Rainer (@chr_rai) October 1, 2026
(Zum Beispiel: 88 Prozent der 16-24-Jährigen kaufen bei Amazon ein, 44 Prozent der 65-74-Jährigen.)
Die FPÖ bedankt sich. pic.twitter.com/Y4UWKm445g
SPÖ wenn die bösen Konzerne die Paketsteuer jetzt vollkommen unvorhergesehen an die Konsumenten weitergeben, die Regierung damit die Inflation anheizt und unser Leben noch unleistbarer wird: pic.twitter.com/YADx9LAceN
— Fabian Pimminger (@i_am_fabs) October 1, 2026
Wenn Du Dir ein Buch, das 25 Euro kostet, nach Hause liefern läßt, musst Du jetzt 2.40 Euro zusätzlich Steuern zahlen. Ich finde dieser Kampf der Regierung gegen das Lesen von Büchern ist wirklich ganz super, lesen ist je eh überschätzt.
— Christian Ortner (@OrtnerOnline) October 1, 2026
Du bestellst dir was für 20€
— Crash_Investor (@povdaily1) October 1, 2026
zahlst jetzt extra 2.4€ Paketsteuer
insgesamt 22.4€
Die gefällt das aber nicht und du willst es zurückschicken
Ja pech gehabt. die Steuer bekommst du nicht zurück
Es ist Game Over für das Land@lukasludens @nikoll_gjokaj pic.twitter.com/GOl9E5nZ8p
Ganz versteh ich Eure Larmoyanz ja nicht. Wenn Ihr zwischen jeder Paketbestellung 121 Semmeln esst, seid Ihr dank der Mehrwertsteuer Senkung von Babler und Marterbauer 2 Cent im Plus.
— Der Tiger von Neubau (@berg_ruft) October 2, 2026
Das ist nicht nichts.
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