'Rückenwind' als Hypothek

Don't Trust the Plan: Warum Trump die AfD nicht 'retten' wird

Meinung
Bild: KI-generiert (Grok).

Die politische Zeitenwende in den USA ist für deutsche Patrioten verlockend, der erhoffte Rückenwind aber trügerisch. Wenn sich die AfD & ihr Vorfeld zu sehr dem Hegemon aus Übersee anbiedern, bindet sie ihr Gedeih & Verderben an eine raumfremde Macht. Inhaltlich ist früher oder später eine Kollision mit den ureigenen deutschen Interessen sicher, und selbst taktisch ist die Vermeidung eines Parteiverbots nicht in Stein gemeißelt. Offene Gesprächskanäle und Verbündete sind wichtig, aber anstatt sich in voreiliges Vasallentum zu begeben, erfordert wahrhaft "alternative" Politik ein neues deutsches Selbstbewusstsein.

"America First" ist kein "Europa zuerst"

Wenige Tage nach dem Trump-Wahlsieg warnte ich davor, sich unkritisch dessen Regierung zu Füßen zu werfen. Denn keine Projektion von Sehnsüchten auf ein Land, das eine scheinbare politische Wende vollzieht, erlaubt es, die Realität zu verkennen, dass US-Interessen nicht zwingend mit deutschen Interessen übereinstimmen müssen. Etwas über ein Jahr später ist es geradezu schockierend, in wie vielen Punkten die Gedankengänge von damals umso aktueller sind. Es beginnt damit, dass etwa Regimewechsel im Nahen Osten traditionell zu Migrantenwellen nach Europa führen, weshalb Remigration mit hündischer Westbindung von der Herkulesaufgabe zur Sisyphusarbeit würde.

Auch ist ein Muskelspiel wider China und Russland aus US-Sicht logisch, während Europa auf gute Wirtschaftsbeziehungen nach Fernost angewiesen ist. Zudem profitierte Deutschland über Jahrzehnte von billiger russischer Energie, die selbst am Höhepunkt des Kalten Krieges verlässlich geliefert wurde. Trump war dies schon in seiner ersten Amtszeit ein Dorn im Auge, die Alternative mit teurem US-Flüssiggas tauscht lediglich Abhängigkeiten. Strafzölle für deutsche Produkte gefährden jenen Teil der hiesigen Industrie, den die unfähigen Regierungen des Landes noch nicht abgewickelt haben. Und das für Zukunftstechnologien rohstoffarme Europa hat Grönlands Ressourcen dringender.

Denkfauler "MAGA-Kult" statt Inspiration

Der Masochismus, alles, was aus dem Weißen Haus kommt, zu begrüßen, muss also groß sein. Trotzdem scheint es für viele, gerade deutsche Rechte, allzu verlockend, sich dem "MAGA-Kult" freimütig zu unterwerfen. Man will lieber Trumps Ideen übersetzen, statt seine "America First"-Politik als reine Inspiration für ein echtes "Deutschland zuerst" zu nützen. Im Wunsch, das Narrenschiff der Bundesrepublik zum kentern zu bringen, steht man wie das liebtrunkene Mädchen in einem bekannten Schlager am Hafen und wartet auf die Errettung durch den Einen, den Besonderen, der sie findet. Doch das ersehnte Schiff, es wird nicht kommen, egal wie sehr man "dem Plan vertraut". 

Natürlich gab es Worte aus Übersee, die deutsche Patriotenherze lauter schlagen ließen. Käme doch nur Opa Donald und fegte die Brandmauer, das Altparteien-Kartell, die Zensur und das Damoklesschwert des Verbots mit einem Handstrich hinweg! Eine Regimechange in Berlin, der Merz aus dem Kanzleramt fegt und Weidel in selbiges hineinspült! Man geht dem "umgekehrten Enkeltrick" auf den Leim, weil man "MAGA" im eigenen Land ersehnt, aber die kommt nicht zum Nulltarif. Abhängigkeit in der Außen-, Energie-, Wirtschafts- & Sicherheitspolitik sind absehbare Tribute für jene "Grooming Gangster", die sich gerne unsere Rechten in ihrem "Locker Room" zu Hörigen erziehen wollten.

Wenn "MAGA" zum Bumerang wird

Doch es könnte noch dicker kommen: Denn patriotische Deutsche wollen patriotische Politik, nicht Duckmäusertum unter umgekehrten Vorzeichen. Was man sich heute als schützende Hand verspricht, könnte rasch zum Bumerang werden. Ein Altparteien-Kartell, das sich in der Vergangenheit eine vermeintliche Nähe der AfD zu Moskau oder Peking aus dem Fingernagel zog, wird nicht zögern, dieselbe Behauptung - mit dann mehr Substanz - mit Washington durchzuexerzieren, wenn's dem Erhalt der Pfründe dient. Die Nähe zu Trump könnte plötzlich sogar ein Argument sein, um die AfD von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Auch bei Kernforderungen könnte es schlecht ausschauen. Trump schiebt nicht maßgeblich mehr Migranten ab, als beispielsweise Obama, sondern setzt auf Inszenierung, ein wenig wie Merz oder Karner, nur "basierter". Dafür skandalisiert der polit-mediale Komplex jeden aus dem Ruder gelaufenen ICE-Einsatz. Jeder Vorfall wird dann zum Krückstock der irrigen Argumentation, dass Remigration nur mit großen Verwerfungen möglich sei, und daher als umso "verfassungsfeindlicher" gebrandmarkt. Da ist die "Kanada-Dynamik" noch nicht eingepreist, wo Konservative den Vorsprung in Umfragen dank Trump-Nähe verjuxten, als dessen Politik sich gegen die Interessen ihres Landes richtete.

Eine "Chance" mit vielen Fragezeichen

Es bleibt also der Standpunkt, dass Washington ein AfD-Verbot als versteckte Kriegserklärung in seinem Interessensbereich verstehen könnte. Schließlich will man sich im Land, in dem noch knapp 40.000 US-Soldaten stationiert sind, nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Ebenso bleibt das Argument, dass das wachsame Auge in Übersee die Beschneidung des freien Wortes und die Instrumentalisierung von Inlandsgeheimdiensten und Justiz nicht einfach hinnehmen wird. Beides argumentiert mein Kollege in seinem Kommentar vortrefflich. Seine Abwägung, dass man sich nicht in Machtlosigkeit ergeben sollte, aber die Ära Trump als Chance zur Entfaltung nützen sollte, fußt auf Berechtigung.

Ich bin jedoch skeptischer. Die einmalige Chance einer patriotischen Wende droht zu verpuffen, wenn man die maue Bilanz des "Rechtspopulismus" als Selbstzweck versteht. Trump ist letztlich auch v.a. Vertreter desselben: Den militärisch-industriellen Komplex, die Big-Tech-Oligarchen und einflussreiche außenpolitische Lobbys beschnitt er nicht. Sie sind bevorzugter Teil seines "großartigen Amerikas". Das Kappen der USAID-Förderungen für linke NGOs im Ausland mag eine zarte Schwalbe sein, macht aber keinen Sommer. Wer heute auf Errettung durch Trump setzt, baut eine Potemkin'sche Fassade und droht, den Aufbau eigener Theorie, Strategie & Gegenkultur zu vernachlässigen. 

Eigenständigkeit vorher abstecken

Deutschland braucht ein eigenes Selbstbewusstsein, und das bringt in einer unaufhaltsam multipolaren Welt auch die Emanzipation gegenüber Amerika mit sich. Das heißt natürlich ebensowenig plumpes Kontrageben aus Eitelkeit, denn man hat im Moment schlichtweg nicht die Schuhgröße, um geopolitisch in der "ersten Liga" mitzuspielen. Günstige Winde machen jeden Segeltörn lohnender, aber wer sich untätig darauf verlässt, wird rasch Bug voran an einem Felsen zerschellen. Selbst wenn die USA unter Trump "unser Freund" wären, so sind die dauerhaftesten Freundschaften jene, in denen man auch Grenzen aufzeigt, konstruktiv Kritik übt und doch Herzlichkeit bewahrt.

Trump wird Deutschland nicht retten. Nehmen wir einmal an, die AfD surft tatsächlich mit dem US-Rückenwind ins Kanzleramt. Dann ist immer noch Vorsicht geboten. Denn nicht erst seit Venezuela ist klar: Was dem Hegemon nicht passt, wird passend gemacht. Eine AfD, die sich auf Gedeih & Verderb ausliefert, sollte sich keine Illusionen machen, dass man sie wieder fallen lassen könnte, wenn sie auf zu viel Eigenständigkeit pocht. Will sie diese für das deutsche Volk, muss sie vorher klar abgesteckt sein. Gerade gegenüber Trump & Vance, die Stärke am geopolitischen Parkett bewundern und notfalls keine Skrupel haben, bettelnde Staatschefs wie Schulbuben aussehen zu lassen. 


Dieser Meinungskommentar ist Teil eines Pro/Contra-Features. Eine andere Sichtweise von Niels Lauenstein könnt ihr hier nachlesen.

+++ Folgt uns auf Telegram: t.me/DerStatus & auf Twitter/X: @derStatus_at +++

Dir gefällt unsere Arbeit? Unterstütze uns jetzt mit deiner Spende, damit wir weiterhin berichten können!

Kontoinhaber: JJMB Media GmbH
IBAN: AT03 1500 0043 9102 6418
BIC: OBKLAT2L
Verwendungszweck: Spende

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten