Chamäleon oder Psychose: Die Wandlung des Erik Ahrens
Screenshot YouTube-Kanal von Erik Ahrens
Ein abtrünniger Ex-Rechter liefert plötzlich Munition für das linke Narrativ zum Potsdamer Treffen. Seine eidesstattliche Erklärung inszeniert sich als Wahrheit, doch wirkt sie wie späte Rache, kalkulierte Läuterung und Suche nach Rampenlicht.
Vom Skandal zur Schlagzeile
Wie war das nun mit dem sogenannten Geheimtreffen nahe Potsdam? Nachdem richterlich festgestellt worden war, dass auf der Zusammenkunft von rechten Politikern, identitär gesinnten Aktivisten und konservativen Vertretern der Wirtschaft in der brandenburgischen Villa Adlon ausdrücklich nicht über die Deportation von Millionen Staatsangehörigen gesprochen wurde, tritt unlängst ein Charakter auf die Bühne der vermeintlichen Wahrheit, der mit einer "eidesstattlichen Erklärung" für Aufsehen sorgt.
Der einst zum rechten Vorfeld gerechnete Erik Ahrens hat eine beachtliche Karriere durchlaufen: Vom Linken zum publizierten Rechtsintellektuellen zum radikalen Neonazi-Prediger und über ein kurzes Intermezzo als vermeintlicher OnlyFans-Manager blitzschnell zurück zum Mainstream-Linken. Er hat nun aus seiner Sicht eine Läuterung durchlaufen, bekennt sich heute zum Regenbogen und einer transideologischen Mentalität, die linksliberaler kaum sein könnte.
Wer ihn in den sozialen Medien beobachtete, konnte freilich eine zutiefst fahrige, unstete Persönlichkeit mitverfolgen, die sich als intellektureller Kopf im identitären Umfeld und als Trittbrett für einen AfD-Politiker inszenierte. In jenem Fall entlarvte Der Status vor geraumer Zeit, dass Ahrens' Behauptung, Teil dessen Teams gewesen zu sein, einer Grundlage entbehrte. Zeitweise gerierte er sich (fälschlich) gar als vermeintlicher Stichwortgeber von Martin Sellner, dessen Konzept zur Remigration bekanntlich Anlass dazu gab, dass ein privates Treffen zum medialen Politikum wurde. Die Nation schien damals getriggert von einem angeblichen Skandal, der schnell als Räuberpistole entlarvt wurde.
Aussteiger oder Opportunist?
Der berechnende & an sich kluge Mann hatte nun angekündigt, die Seiten zu wechseln. Aktuell tingelt er von einer Zeitschrift zur nächsten, will sich als Aussteiger einen Namen machen. Der 1994 geborene "Influencer" stand jüngst auch jenem "Redaktionsnetzwerk" zur Verfügung, welches mit Hilfe staatlicher Förderung dafür sorgte, dass ein Aufschrei durch die Republik ging, welcher die Massen vor das Brandenburger Tor mobilisierte. Denn die Erzählung machte die Runde, von Seiten der AfD würden Pläne vorbereitet, nicht-assimilierte Personengruppen mit fremdländischen Wurzeln, aber deutschem Pass, in großem Umfang abzuschieben.
Was Juristen später als Lüge einordneten, soll laut Behauptung des früheren TikTok-Stars angeblich doch der Wahrheit entsprochen haben. Er schwor in seiner Versicherung, dass die Anwesenden bei besagtem Termin eine Wortwahl suchten, um "ethnische Säuberungen" beschönigend zu umschreiben. Nur Monate, nachdem ausgerechnet er mit teils kruden Theorien einer Rassenlehre hausieren ging, die auch bei den Teilnehmern des Treffens auf Kopfschütteln stießen, sucht der sich zwischendurch als "Führer" wähnende Herr augenscheinlich nach narzisstischer Weißwaschung, will in seiner Abrechnung nach eigenem Bekunden aber auch auf "Lügen" setzen.
Zerfall einer Szene
Doch wie sehr kann man jenem trauen, der zuletzt so lange nach verbrannter Erde trachtete, bis er selbst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden war? Fabulierte er in Videos über seine neue Karriere als "Frauenversteher" teils wirr bis größenwahnsinnig wirkende Botschaften an seine Anhänger, die sich in der Zahl aber deutlich dezimiert haben dürften. Schließlich ist die Glaubwürdigkeit des Schwenks gegen Null tendierend, muss man befürchten, dass ein Gescholtener nach frischem Rampenlicht giert, um sich jetzt als Dolchstößer einen Namen zu machen.
Schon 2024 gingen zahlreiche namhafte rechte Persönlichkeiten auf Distanz, darunter auch Götz Kubitschek, in dessen Verlag sein Erstlingswerk erschienen war, lange bevor Ahrens sich zuerst radikalisierte und dann gänzlich wendete. Zahlreiche Weggefährten warfen ihm Falschbehauptungen und unberechenbares Verhalten vor. Immer wieder kursierten Gerüchte, doch er entgegnete: „Bin ich schizophren, nehme ich Drogen? Weder noch." Gegen ideologische Widersacher innerhalb der Rechten ging er zunächst mit der Moralkeule des "Volksverräters" vor, drohte mit der Veröffentlichung von privaten Informationen über ehemalige Kameraden.
Seiner letzten Gefolgschaft verlustig, folgt jetzt die Rolle als Aussteiger. Denn heute steht er für "Correctiv" als Kronzeuge über etwaige Vertreibungsabsichten & Co. parat. Er nimmt dabei eine merkwürdig durchschaubare Rolle als Judas und Deserteur ein, die ihm progressive Claqueure und dem Mainstream ein Narrativ bieten soll.
Glaubwürdigkeit und offene Fragen
In seinem Zeugnis über die angebliche Wahrheit unterstrich er, dass am Lehnitzsee die Einsetzung einer "Kommission" vorgeschlagen worden sein soll, die "die juristischen, logistischen und ethischen Aspekte" einer großangelegten Rückführung nicht integrationswilliger Ausländer "möglichst konkret vorbereitet". Im Falle, "dass eine patriotische Kraft in Deutschland an die Macht kommt", habe man "auf diese Weise schon einmal einen [...] Plan in der Schublade". Wie tragfähig sind diese Beteuerungen, stehen sie in eklatantem Widerspruch zu allen anderen Kundgaben der Teilnehmer?
Dass er ausgerechnet jenen in die Parade fährt, die ihn groß gemacht haben, um ihnen Forderungen in den Mund zu legen, man wolle etwa sogar Mitbürger, die sich "für Geflüchtete einsetzten", in eine "Musterstadt in Nordafrika" übersiedeln, muss erhebliche Skepsis an der Substanz seines Gebarens aufkommen lassen. Lässt er sich instrumentalisieren, geht es allein um Aufmerksamkeit und das Abzeichen als Säulenheiliger? Man darf gespannt sein, was sich von all den Prämissen tatsächlich nur ansatzweise belegen lässt. Die Vergangenheit lädt allerdings zu keiner für Ahrens oder Correctiv schmeichelhaften Prognose ein.
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