Abenteuer Internet: Mein nigerianischer Scammer und ich
Symbolbild: Freepik
Endlich reich! Seit 20 Jahren verteilen nigerianische Prinzen ihre vermeintlichen Milliarden gönnerhaft in aller Welt. Aber wehe man versucht, ihnen - natürlich 'kultursensibel' - auf den Zahn zu fühlen. Eine kleine Reise unserer Autorin durch die Welt der Scammer und Betrüger.
Betrüger haben es auf uns abgesehen
Immer öfter treiben Scammer ihr Unwesen, gerne über Social Media. Die Strategien werden immer ausgefeilter. KI stellt da vor neue Herausforderungen: Zum Beispiel finden Scammer mittlerweile bei großen Konzernen heraus, wer beispielsweise für die Finanzen oder die Technologie zuständig ist. Suchen nach öffentlichen Aufnahmen der Stimme derjenigen, mittlerweile reichen da schon wenige Sekunden, erstellen dann einen sogenannten Voice Clone (also einen Klon der Stimme) und rufen damit den CEO an, der schnell Geld überweisen soll. So ein Scam braucht viel Vorbereitung, ist bei Erfolg aber sehr lukrativ. Sicherlich stammen viele Scammer aus schwierigen Verhältnissen, oder werden zu ihrer "Arbeit" gezwungen. Oft mit schlimmen Folgen: Letztes Jahr wurde die 27-jährige Belarusin Vera Krawzowa in Myanmar ermordet, die mit einem falschen Vertrag zur Arbeit als Model nach Thailand gelockt, über die Grenze nach Myanmar verschleppt, zur Arbeit in Online-Scams gezwungen wurde. Sie wollte offenbar niemanden betrügen und konnte ihre Quote nicht erreichen. Ihre Organe wurden auf dem Schwarzmarkt verkauft.
Selbstverständlich werden aber auch viele Scammer, die sich einfach bereichern wollen.
Zum Glück sind die meisten Scams, die Normalsterbliche betreffen aber aktuell noch relativ einfach zu erkennen. Scammer sind aber überall, ich habe mich zum Beispiel schon mehrfach für Wohnungen beworben, deren Bilder sich im Nachhinein als aus dem Internet gestohlen entpuppten. Manchmal geht es um direkte Überweisungen, manchmal geht es darum, erst einmal Informationen zu gewinnen, die dann später entweder für weitere Scams, Identitätsdiebstahl oder erst in einem zweiten Schritt für Geld verwendet werden.
Seltsame Anrufe und Emails
Davon hatte ich in den letzten Monaten so einige:
Eine Roboterstimme rief mich an und sagte auf Englisch, dass dies die Polizei sei und ich wegen des Besitze von Kinderporno angeklagt sei. Ich lachte und blieb in der Leitung, weil ich wissen wollte, wie genau dieser Scam ablaufen würde. Es meldete sich eine Frau mit indischem Akzent. Im Hintergrund Callcenter-Geräusche. Sie wollte meinen Namen und meine Postleitzahl wissen, ich sagte nur, die müsste sie ja haben, wenn sie meine Nummer hätte. Sie legte sofort auf. Ich rief noch einmal an, aber wie zu erwarten hieß es dann "Kein Anschluss unter dieser Nummer".
Dann bekam ich mehrere Emails, angeblich vom Justizministerium Bangladeschs, die alle in meinem Spam landeten. Ich sei beim Schauen von Kinderpornos ertappt worden. Nun bin ich aber Frauenrechtlerin und lerne Pornographie generell ab, ich habe also ganz bestimmt keine Pornographie konsumiert, und erst recht keine mit Kindern.
Daraufhin bekam ich eine Email auf Dari, die ich durch den Google Übersetzer jagte. So erfuhr ich, dass auch das Justizministerium Afghanistan mich des Besitzes und des Konsums von Kinderpornos überführt habe. Afghanistan? Wo Kinderehen an der Tagesordnung sind?
Auf die Emails habe ich nicht geantwortet, obwohl das natürlich sehr witzig geworden wäre. Im Forum 419eater.com gibt es Anleitungen und Trophäenbilder von Leuten, die es geschafft haben, ihre Scammer zu lustigen Beweisfotos (wie zum Beispiel einen Fisch in die Kamera zu halten) gebracht haben. 419 deshalb, weil das der Paragraph aus dem nigerianischen Gesetzbuch ist, der Scams unter Strafe stellt. Seit Langem träumte ich davon, mich an der Königsdisziplin, den nigerianischen Scammern, zu versuchen.
Professioneller Rassismus
Seitdem ich an der Uni ein paar Ethnologieseminare besucht habe, bezeichne ich mich nicht mehr nur als Hobbyrassistin, sondern auch als professionelle Rassistin. Professioneller Rassismus ist harte Arbeit: Man muss Experte sein für Kulturen, dafür, wer mit wem kompatibel ist, wer wen hasst, wer mit wem zumindest zeitweise verbündet ist. Alles wertvolles Wissen dafür, wenn man zum Beispiel analysieren möchte, warum bestimmte Konflikte entstehen - die dann natürlich dafür sorgen, dass Migranten nach Europa kommen wollen. Oder wenn man eine Gruppe gegen die andere ausspielen möchte.
Oder welche Einwanderergruppen nicht miteinander klarkommen - so versuchen beispielsweise sich Jesiden oft gut zu stellen mit der Regierung, mögen aber aufgrund der Erfahrung, von Muslimen öfters massakriert worden zu sein, diese eher weniger. Obwohl Probleme wie Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen auch in der eigenen Community vorkommen und gerne verschwiegen werden. Aber das nur am Rande.
So schrieb mich einer der vielen Scammer auf Telegram an, sandte mir das Bild einer blonden, hübschen Frau mittleren Alters. Eine tolle Chance hätte er für mich. Big Business. Ich freute mich schon, immerhin könnte ich so die Zeit von ihm ein wenig verschwenden. Und in der Zeit, in der der Scammer versucht, mich zu überzeugen, kann er niemand anderem schaden, der vielleicht auf so etwas hereinfallen könnte. Amanda Sander sei ihr Name. Ich fragte, ob sie Amerikanerin sei. Nein. Dann behauptete der Scammer, aus San Francisco zu sein.
Mittlerweile benutze ich ChatGPT, um herauszufinden, aus welchem Land ein Scammer ist - je nachdem, wo sie herkommen, benutzen sie bestimmte Konstruktionen in ihrem Englisch. Das war hier aber gar nicht nötig. Ich beschloss, die Sache abzukürzen.
"Bist du aus Indien oder Nigeria?", fragte ich ins Blaue.
Wider Erwartens antwortete er, Nigerianer zu sein. Sofort machte mein Herz einen Hüpfer, endlich, ein nigerianischer Scammer!
ICE hätte ihn aus den USA deportiert und es ginge ihm schlecht. Wow, kreativ, sofort das Tagesgeschehen in sein Storytelling eingebunden.
Warum er denn das Bild einer blonden Frau verwendet hätte, wollte ich wissen.
Das sei seine Stiefmutter, die dafür gesorgt habe, dass er deportiert worden sei.
Auf einmal versuchte der Scammer mich über Tage hinweg immer wieder zu videocallen, nannte mich hübsch.
Ich fragte ihn, ob er Igbo, Hausa oder Yoruba sei.
"Igbo", antwortete er, woher ich das kennen würde.
Nigerianer sind immer überrascht, wenn man die Volksgruppen bei ihnen kennt, und mein Exemplar war offenbar zu erfreut, als dass er noch seine professionelle Contenance wahren konnte.
Ich schickte ihm daraufhin die IQ-Weltkarte und fragte ihn, ob er wisse, was das für eine Karte sei.
"Africa Map", meinte er.
Ich meinte, das sei die IQ-Weltkarte.
Er fragte, heißt das, dass Afrika einen niedrigen IQ habe.
Ich schrieb: "Ja, genau das heißt das. Du bist sehr intelligent."
“Oh wirklich? Was hat dich dazu gebracht, zuzugeben, dass ich intelligent bin?”
Mir brach fast das Herz, so putzig war das. Er wollte nur etwas Anerkennung.
Anschließend begann ich, ihm zu sagen, dass ich die Yoruba mehr respektieren würde als die Igbo, da sie intelligenter und kultivierter seien. Hierzu muss man wissen, dass es eine Rivalität zwischen diesen beiden Völkern gibt. Yorubas gelten als Poeten, Igbos als materialistische Geschäftsmänner. Kulturell sind Yorubas in Nigeria dominanter. Während des Bürgerkriegs Ende der 60er, als die muslimischen Hausa begannen, Christen zu massakrieren, versuchten Igbos sich am Separatismus und gründeten einen Staat, Biafra. Die darauffolgende Hungersnot war das erste Mal, dass Bilder von an Hunger leidenden, blähbäuchigen afrikanischen Kindern um die Welt gingen. Dass daraufhin in wohlhabenden Industrieländern Kindern das Telleraufessen mit “Kinder in Afrika haben nichts” aufgezwungen wurde ist darauf zurückzuführen.
Dann googelte ich ein paar Igbo-Schimpfwörter, und begann sie an ihm auszuprobieren. "Anu ohia ka gi mma", "ein wildes Tier ist besser als du"; "Nne gi bu akwuna", "deine Mutter ist eine Hure"; "Onye ime-ezi", "Buschmann". Ich sagte ihm, dass Biafra gescheitert sei.
Er schrieb mir, dass ich den Geschlechtsverkehr mit meiner Mutter vollziehen solle und blockte mich.
Seitdem herrscht zwar Ruhe, aber ich hätte ihn gerne noch ein bisschen länger geärgert.
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