9/11 als Zäsur: Tausche Freiheiten gegen kritischen Blick?
9/11-Bild: Michael Foran, Wikimedia Commons, CC BY 2.0; Frauen: Magnific (2); Komposition: Der Status.
Als die Kunde über Geschehnisse von 11. September über die Bildschirme lief, wusste die Welt, dass sie fortan eine andere sein wird. In der Nachbetrachtung fallen vor allem zwei Einschnitte auf: Einerseits diente ein Bedrohungsszenario erstmals als Vorwand für eine bis heute bestehende Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte der Massen. Zum anderen waren die eklatanten Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung auch Startschuss dafür, dass Menschen dem misstrauten, was ihnen der Fernseher weismachen wollte.
Ein Tag, der die Welt veränderte
Nahezu jeder Mensch, der heute über 30 Jahre alt ist, weiß wohl noch, was er gerade tat, als die "Bilder aus New York" um die Welt gingen. Ich war damals zarte 12 Jahre alt und wollte - es war in Europa gerade früher Nachmittag - die Zeit vor der Hausübung mit Musikhören verbringen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende waren meine Großeltern, die mir mitteilten, dass beide Türme des World Trade Centers in Flammen stünden und das ein historischer Moment sei, von dem ich mir mein eigenes Bild machen müsste. Noch wenige Wochen zuvor hatten sie mir nach ihrer ersten und einzigen gemeinsamen Amerikareise u.a. von der Aussicht auf selbigem berichtet.
Die nächsten Tage liefen die bekannten Bilder im Dauerdurchlauf, allzuoft mit "Only Time" von Enya untermalt, es gab Sondersendungen ohne Ende. Der Westen war aus der Illusion des "Endes der Geschichte" gerissen. Politiker und Prominente aller Couleur gaben ihren Senf dazu. Ich hatte damals natürlich noch kein derart geschultes Auge für Geopolitik, doch fiel mir bereits damals auf, dass viele Stimmen in die gleiche Richtung gingen. Es sei ein Angriff auf die westliche Zivilisation, unsere Werte und man müsse solidarisch mit den Amerikanern sein. Es folgte der NATO-Bündnisfall und Anfang Oktober flogen die ersten Bomben auf Afghanistan.
"War on Terror": Die Freiheit starb zuerst
Kritisches Hinterfragen war damals nicht erwünscht. Selbst hier im neutralen Österreich bekam man rund um die Uhr vermittelt, es wäre ein gerechter Krieg für Freiheit und Demokratie. Die wenigen Stimmen, die sich öffentlich gegen eine Eskalation aussprachen, wurden effektiv kleingehalten. Erst Jahre später erfuhr ich, dass sich schon unmittelbar nach Beginn der Kampfhandlungen erste Friedensdemos formierten. Zweifeln an der öffentlichen Darstellung gab man sowieso keine große Bühne, obwohl erste Fragezeichen unmittelbar auftauchten. Aber die Sendenanstalten brachten die offizielle Version, das Internet war noch in den Kinderschuhen und selbst YouTube noch Jahre entfernt.
Dafür begannen die herrschenden Kräfte umso rascher mit der Eindämmung bürgerlicher Freiheiten. Schließlich konnte ja jeder plötzlich insgeheim ein Terrorist sein. In den USA kam schon im Oktober 2001 der berüchtigte "PATRIOT Act". Ab sofort mussten Überwachungsmaßnahmen nicht mehr richterlich genehmigt werden, sogar Razzien konnten ohne Verständigung der Zielperson durchgeführt werden. Das FBI durfte Bankkonten durchforsten, die CIA im Inland ermitteln und Politiker durften entscheiden, ob eine Gruppe als gefährlich einzustufen sei. Etliche andere Länder, darunter Deutschland, zogen mit ähnlichen Gesetzesmaterien nach.
"Temporäre" Anti-Terror-Gesetze auf ewig
Hinterfragt wurde das damals kaum, ging es doch gegen "internationalen Terror" - und man machte uns weis, dass die Überwachung natürlich auch nur im Ausnahmefall geschehe. Wer eine Massenüberwachung fürchtete, den bezeichnete man als "Verschwörungstheoretiker". Mit dem gleichen Pinsel strich man jene an, welche die Sprengungsthese anbrachten oder sich auch nur trauten zu fragen, wieso das definitiv nicht von einem Flugzeug getroffene WTC7-Gebäude, in dem diverse Geheimdienste ein Büro hatten, ebenfalls einstürzte. Es sollte noch über 10 Jahre dauern, bis im NSA-Skandal das groteske Ausmaß der allgegenwärtigen Überwachung offenbar wurde.
Andere Kritiker versuchte man zu beschwichtigen, dass diese Gesetzes ja nur "temporär" seien. Nicht nur die USA - welche die Bestimmungen einfach durch den "USA Freedom Act" weiterführten - leistete sich Chuzpe. In Deutschland war das Gesetz zuerst bis 2007 befristet, dann bis 2012, dann bis 2021 - und wurde schließlich gänzlich entfristet. Seither dürften Verfassungschutz (BfV), Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischer Abschirmdienst (MAD) bis in alle Ewigkeit in den Handys der Bürger schnüffeln. Seit 2007 ist das zudem nicht nur bei Terrorismus, sondern auch generell bei "Aufstachelung zum Hass" möglich. Islamistischen Alltagsterror haben sie freilich nicht verhindert.
Das Abstumpfen der "Schwurblerkeule"
Wie schnell man im "freiesten Deutschland aller Zeiten" zum vermeintlichen "Gefährder" wird, durften regierungskritische Bürger spätestens bei Corona miterleben. Sorgten sie sich um die Wirksamkeit der Impfstoffe, kritisierten totalitäre 2G/3G-Regeln und Lockdowns oder wollten ihre Kinder nicht mit FFP2-Masken drangsalieren unterstellte man ihnen "verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates". Andere kannten das Spannungsfeld schon: Wenn Bürger die Massenmigration kritisieren, brandmarkt man sie seit Jahren als "rechtsextrem". Wer die Irrwege des Staates hinterfragte, war wieder "Verschwörungstheoretiker". Weil eh wissen: "Wir schaffen das" und "Bilder aus Bergamo".
Dieses autoritäre Freund-Feind-Schema seitens der Obrigkeit samt angehängter Überwachung sind auch ein Vermächtnis von 9/11, spätere Mechanismen gewissermaßen eine Blaupause. Aber es blieb noch eine zweite Konstante übrig: Denn die "Truther"-Bewegung war gewissermaßen auch eine Türöffnerin für eine kritische Gegenöffentlichkeit - und das, obwohl sie außerordentlich heterogen war. Die Abstufungen des Zweifels reichen von einer aktiven Beteiligung der Regierung ("Inside Job") bis hin zu einem absichtlichen Geschehenlassen, um danach Freiheitseinschränkungen und geopolitische Weltpolizei-Ziele leichter durchführen zu können ("Let it Happen on Purpose").
Erstes großes Hinterfragen des Mainstreams
In den späten Nullerjahren gewannen diese Sichtweisen merklich an Traktion, nicht zuletzt weil immer mehr schiefe Optiken zur offiziellen Version entstanden. So bestand die 9/11-Kommission mehr aus Politikern denn Experten und schien bei ihrer Zeugenauswahl jene zu bevorzugen, welche die Regierungsversion bestätigen sollten. Sogar kritische Publizisten ohne jede Verbindung zur "Truther"-Bewegung monierten zudem, dass die Bush-Regierung die Aufklärung behindert habe und erinnerten, dass sich mehrere Kommissionsmitgliedern vom anschließend entstandenen Bericht im Laufe der Jahre distanzierten.
Es machte sich somit die Ansicht breit, dass dessen Administration so nicht eigene Inkompetenz, sondern potenzielles Vorabwissen hätte verschleiern können. Zeitweise ergaben Umfragen, dass sogar eine Mehrheit der US-Bürger glaubte, dass ihnen ihre Regierung nicht die Wahrheit über 9/11 sagten. Sie beschäftigten sich detailliert mit alternativen Interpretationen und führten sich dafür auch stundenlange Videos kritischer "Truther"-Experten zu Gemüte. Erstmals wurde es folglich im großen Stil salonfähig, zu hinterfragen, was der polit-mediale Komplex zu einem maßgeblichen Thema zum Besten gab.
Bürger sind nicht mehr naiv & steuerbar
Womöglich wäre der Boden für die Bereitschaft der Bürger, sich auch abseits des Mainstreams zu informieren, ohne den 9/11-Nachlauf also deutlich weniger fruchtbar gewesen, als man uns in der Asylkrise und bei Corona (erneut) einen Bären aufbinden wollte. Alleine der Verlust des Vertrauens in die herrschenden Eliten im Wissen, dass ein überführter Schwindler auch ein zweites Mal zu flunkern vermag, ist ein scharfes Schwert im Kampf um die Deutungshoheit bei Themen, die dieselben Mächtigen am Liebsten nicht hinterfragt sähen. Der Bürger ist seither ein großes Stück mündiger geworden und tritt zunehmend mit einem Körnchen Salz an verordnete "große Erzählungen" heran.
Entsprechend zwiespältig muss also die Bilanz ein Vierteljahrhundert nach 9/11 ausfallen. Unsere Generation konnte nie diese unbekümmerte Welt kennenlernen, die man uns einst versprach und leben im "Zeitalter der ständigen Krisen", die mit ständig neuen Einschränkungen unserer Freiheiten und einem Ausbau des "gläsernen Bürgers" einhergehen. Die nächste Generation hatte noch nicht einmal das Privileg, den Ausgangspunkt dieser "neuen Weltordnung" mitzuerleben. Aber zugleich sind die Zeiten eines naiven und steuerbaren Volkes vorbei. Denn selbst, wer noch ein Licht sucht, um aus einer Sackgasse zu finden, hat zumindest bessere Karten als jener, der völlig im Dunkeln tappt.
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