Propaganda ausgetrickst: 'Amelia' wird patriotische Kunstfigur
Hintergrund: Freepik; Meme-Screenshots: via X (@MorbidParamour, @citruzss, @Leaflit); Collage: Der Status.
In Großbritannien wollte ein staatlich gesponsertes Umerziehungsspiel Patrioten in spe abschrecken – und gebar stattdessen eine Ikone. Amelia ist sexy, alternativ, patriotisch, memetauglich. Das System wird durch seine eigene Propaganda blamiert, das Netz jubelt. Sind wir nicht alle ein bisschen ameliaradikal?
Spiele als Propagandamedium
Spiele sind das Medium des 21. Jahrhunderts. Behörden allerorts haben Blut gewittert und Spiele als Medien zur politischen Bildung und Vermittlung “demokratischer Werte” sowie zur Bekämpfung der Radikalisierung (natürlich meist nach rechts) entdeckt. Die Ergebnisse sind meistens bräsig und langweilig-pädagogisch. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird niemandes Meinung durch solche Medien geändert, der wahrscheinlich müssen sie das nicht einmal.
In erster Linie dienen sie dazu, die Übermacht eines propagandistischen Staatsapparats zu demonstrieren: Wenn die Opposition damit konfrontiert wird, dass die Machthabenden die idiotischsten Dinge fabrizieren, um die Opposition zu dämonisieren, das alles durch Steuergelder finanziert wird und damit auch noch irgendwer Geld verdient, dann ist das definitiv demoralisierend.
Nichtsdestotrotz können Spiele auch subversiv sein - etwas, das bereits erkannt wurde. Nicht umsonst hat die Bundeszentrale für politische Bildung beispielsweise vor einigen Monaten das "Handbuch Gaming & Rechtsextremismus" herausgegeben - Der Status analysierte das vor Absurditäten strotzende Pamphlet exklusiv. Manch Autor träumte dabei von Spielen, welche die Jugend mit plumper Propaganda beeinflussen sollen, von Klimawandel-Simulationen bis hin zu "queerem Gaming".
"Anti-Radikalisierung" mit attraktiver Antagonistin
Dieses Playbook wollte man nun auch auf der Insel durchexerzieren. Also entwickelte das Hull City Council, die Stadtverwaltung der Hafen-, Arbeiter- & Industriestadt Kingston upon Hull, zusammen mit der linken NGO Shout Out UK das Spiel “Pathways”, zu Deutsch “Pfade”. In diesem sehr primitiven Spiel (man klickt sich einfach durch und trifft Entscheidungen), das sich an Jugendliche im Alter von 11 bis 18 richtet folgt man dem Protagonisten, der seine nette Kommilitonin Amelia kennenlernt. Man kann nur als weiße Figur spielen - denn offenbar sollen einzig Weiße umerzogen werden.

Bildzitat: Screenshot aus dem Spiel / (C) Hull City Council
Das Problem mit Amelia: Sie ist der Bösewicht des Spiels. Was macht Amelia zum Bösewicht? Amelia findet pakistanische Vergewaltigungsgangs nicht so knorke und wünscht sich, dass Großbritannien auch in Zukunft britisch bleibt. Amelia sagt, man solle britische Werte verteidigen. Also etwas, was sich das liberale britische Establishment ja eigentlich immer auf die Fahne geschrieben hat. Denn aufgrund liberaler, postimperialer Logik ist ein Beharren auf der Existenz einer ethnokulturell begründeten englischen oder britischen Identität ohnehin undenkbar und unsagbar.
Der Spieler folgt der Storyline, verliert sich planmäßig immer mehr in "radikalen Ideologien", ist als dann Extremist bekannt und von seinem sozialen Umfeld ausgeschlossen. Am Ende gibt es eine Telefonnummer und eine Überweisung an die NGO "Prevent", an die man sich wenden kann, wenn man sich nun radikalisiert fühlt, weil man eventuell doch Überfremdung doch nicht so super findet - beziehungsweise man durch die Liebe zu Amelia doch auch die Liebe zum Vaterland entdeckt hat.
>>choker
— Bovril-Gesellschaft (@BovrilG) January 9, 2026
>>purple bob
>>forthright patriotic views
Looks like The Stable has its first 2D member. I have no idea how its existing 3D Pig Disgusting membership will compete pic.twitter.com/uidCld9zW8
Amelia wird zum Meme
Und womit die Behörde nun einmal gar nicht gerechnet hat: Amelia ist alles, aber nicht abschreckend. Sind die Spieleentwickler vielleicht subversiv unterwegs? Immerhin hätten sie denken können, dass es dem Mainstream nicht zweckdienlich sein dürfte, die Antagonistin als begehrenswerte Projektionsfläche zu erschaffen:
Amelia ist sexy, Amelia ist cool. Sie ist mondän, urban, kultiviert. Sie hat lila Haare in einem schulterlangen Bob mit Problempony, trägt einen Choker und sieht aus wie ein E-Girl. Sie ist das, was im angelsächsischen Sprachraum als "Art Hoe" bezeichnet wird, also im Grunde "Kunsthure", was sich aber weniger auf die vermeintliche Promiskuität einer Frau bezieht. Sondern darauf, dass sie sich in Künstlerkreisen bewegt, vielleicht selbst Künstlerin ist, ein bestimmtes Lebensgefühl verkörpert, ein faszinierender Mensch ist, in den man sich nur unsterblich und unglücklich verlieben kann. Der Schuss ging also nach hinten los.
Cooked up some fresh visual assets for $AMELIA. 🇬🇧 Went for a gritty, hand-drawn 90s anime aesthetic to match the project's rebellious narrative. Loved working on these concepts. pic.twitter.com/YIUjglFTmQ
— citruzss (@citruzss) January 11, 2026
Das englische rechte Internet hat sie im Sturm erobert. Unzählige Memes sind in den letzten Tagen entstanden. Manchmal ist sie die Herrin des Sees aus der Artussage, manchmal ist sie einfach ein süßes Mädchen, das eine britische Flagge schwingt.
— 💀 MorbidParamour 🖤 (@MorbidParamour) January 11, 2026
Amelia ist erfolgreich. So erfolgreich, dass der Hull City Council das selbstverständlich durch Steuerzahler finanzierte Pathways-Spiel aus dem Netz genommen hat. Zu spät: Es gibt bereits Amelia-Aufkleber auf Laternenpfählen und der Hashtag #doitforamelia ist viral gegangen.
Amelia: The Last Rose of Albion
— Leaflit 🍃 Angel's Sword (@Leaflit) January 17, 2026
Would you watch it? pic.twitter.com/XtUpujGnCL
Eine verwegene Sehnsuchtsfigur
Für die alternative Gegenkultur ist es ein unverhofftes Geschenk aus dem heiteren, bzw. aufgrund des britischen Wetters, wolkenverhangenen Himmel. Denn die Rechte hat ein Coolness-Problem, Konservative wirken oft ein wenig hölzern. Und obwohl es in der Schwarzen Szene und im Metal einige Anknüpfungspunkte gibt, werden alternative Kleidungsstile und Subkulturen oft kritisch beäugt. Junge, attraktive Frauen kommen in der Außenwirkung oft nur in der Kombination mit Kleid und Kornfeld vor.
Von daher ist es gut, wenn sie jetzt ihre eigene nationalistische "Art Hoe" hat. Ein Goth Girl mit lila Haaren, Tattoos und Piercings. Verwegen, aufregend, ein bisschen Femme Fatale, ein bisschen Herzensbrecherin, aber immer in Solidarität mit ihrem Volk. Also irgendwie dann trotzdem ein "Mädchen von nebenan". Also bisschen wie unsere Ostmullen, aber eher im Berlin-Friedrichshain-Chic. Oder London-Camden. Freitagabend Vernissage in einer angesagten Galerie, am Samstag dann eine Tommy Robinson-Demo. Sind wir nicht alle ein bisschen ameliaradikal?
The prompts were simple.
— Huff (@Huff4Congress) January 16, 2026
First, I told @grok to look at every single Amelia meme on the Internet.
Second, I said: “Become Amelia, then make a video and tell the British people what you want them to know.”
Here’s the surprising result. pic.twitter.com/dGY0OvKcQ4
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